Elysium Roman 2 – Kapitel 3: Schattenspiele
March 3, 2023
Es war später Abend. Um diese Zeit war nicht mehr viel los an der Endstation der U-Bahn-Linie Nordstrand und so war es schon seit der Errichtung der Station vor etwa 120 Jahren. Die in großer Mehrheit gut situierten Anwohner des Küstengebiets hatten es nicht nötig, sich zwischen das gewöhnliche Volk in die öffentlichen Verkehrsmittel zu quetschen. Die U-Bahn war hauptsächlich dazu da, die Leute an den Nordstrand zu bringen, die dort für andere arbeiteten und sich kein eigenes Auto leisten konnten. Zu einer fortgeschrittenen Stunde wie dieser waren die meisten von ihnen schon in ihre kleinen Wohnungen in den anderen Stadtvierteln von Elysium zurückgekehrt.
Von all dem wusste er nichts. Das Einzige was für ihn zählte war, dass sich gerade in diesem Moment sehr viel weniger Menschen auf dem Bahnsteig aufhielten als zu den Hauptverkehrszeiten. Je weniger es waren, desto besser war es für seine Jagd. Und die Jagd wurde unausweichlich, denn sein Rudel war schon in kurzer Zeit zu groß geworden, um sich nur noch von den Krokodilen, den großen Ratten und anderem Ungeziefer in den Abwasserkanälen und U-Bahn-Schächten ernähren zu können. Die Nahrung reichte nicht mehr, deswegen würden sie das Risiko eingehen müssen, die hochgewachsenen Oberweltler in ihren mit künstlichem Licht durchfluteten Arealen anzugreifen. Es war der Hunger, der ihnen keine andere Wahl mehr ließ. Keiner der Menschen hatte seine schwach leuchtenden Augen hinter dem Gitter des breiten Kabelschachtes bemerkt. In geduckter Haltung saß er seit etwa einer Stunde da, beobachtete sie und begriff langsam, dass der beste Zeitpunkt für einen Angriff der sein musste, der eine kurze Weile nach der Abfahrt einer U-Bahn lag. Es würde bis zur Ankunft der nächsten Bahn dauern, was die Fluchtmöglichkeit der Menschen zusätzlich verringerte wenn es ihnen gelang, die Treppenzugänge zu blockieren. Er warf einen prüfenden Blick neben sich in den Schacht. Etwa 50 schimmernde Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Eng gedrängt saß da sein Rudel und wartete, Wesen an Wesen mit kohlrabenschwarzer Haut kauerten aneinander. Sie warteten bis er, der Alpha, das Gitter durchbrechen und somit das Zeichen zum Beginn der Jagd geben würde. Der Zeitpunkt war endlich gekommen. Er steckte seine Finger durch das Gitter und presste mit aller Kraft, brach es aus seiner Verankerung und warf es nach vorne weg.
Auf dem Bahnsteig befanden sich fünf Personen, die aufgrund des lauten Klirrens des Metallgitters aufmerksam wurden. Aus dem anfänglich verwirrten Umsehen nach der Quelle des unangenehmen Geräusches wurde schnell blankes Entsetzen. Eine Frau begann schrill und laut zu kreischen als sie sah, wie aus dem Loch in der Wand nacheinander eine Horde von humanoiden nackten Wesen sprang. Sie waren alle nicht größer als 1,50 Meter und bewegten sich schnell und geschickt mit Händen und Füßen fort. Ihr Äußeres war geradezu verstörend. Die schwarze, mit Schrunden und Blasen überzogene Haut, die leuchtenden Augen und ihr grotesker Bewegungsablauf ließ sie wie fleischgewordene Schatten erscheinen, wie ein wahr gewordenes Schauermärchen aus längst vergangenen Tagen. Ihre Körper waren ausgezehrt und abgemagert, Muskeln und Sehnen traten deutlich hervor.
Während die Wand immer weitere dieser grässlichen Wesen ausspuckte, rannten die ersten von ihnen bereits in wilde Raserei verfallen auf die Menschen zu. Der Angriff war zu überraschend, als dass viel Gegenwehr möglich gewesen wäre. Alpha selbst war es, der den letzten Oberweltler bis zur Treppe verfolgt hatte. Der große Mann war schnell und hatte gleich zu Anfang seine große Tasche weggeworfen, damit sie ihn beim Laufen nicht behindern konnte. Er würde ihm jedoch nicht entkommen. Alpha konzentrierte sich und spürte die Kraft durch seine Adern fließen. Woher sie kam, das wusste er nicht. Es war nichts mehr als ein uralter Instinkt, dem er folgte. Diese Kraft entlud sich nun, als alle Atome seines Körpers in einem unerklärlichen Vorgang zugleich entmaterialisierten, durch den dreidimensionalen Raum geschleudert wurden und sich vor dem flüchtenden Mann etwa 15 Meter entfernt von Alphas vorherigem Standort auf der Treppe wieder zusammensetzten. Es gab ein Knallgeräusch, als die Luftatome an dieser Stelle in einem Sekundenbruchteil verdrängt wurden und Alpha dort erschien. Der flüchtende Mann erschrak zu Tode als er erkannte, dass jede Hoffnung darauf diesen Ort vielleicht doch noch lebend verlassen zu können, vergebens gewesen war. Es ging alles sehr schnell und die Schreie der Menschen verhallten ungehört unter der Erde.
Ein paar Kilometer von der U-Bahn-Station entfernt an der Oberfläche parkte Ralph das Agenturauto in einer kleinen Nebenstraße. Mit dem alten, leicht verbeulten Mittelklassewagen wären sie an ihrem Zielort sofort negativ aufgefallen, zwischen den ganzen teuren Limousinen. Deshalb hatten sie sich dazu entschlossen, die letzten paar hundert Meter zu Fuß zurückzulegen. Seit ein paar Wochen besaß TRAP tatsächlich auch einen waschechten Polizeiwagen, den Ralph nach dem Vorfall an der Kreuzung hatte sicherstellen können, als sie den Transporter von Würstchen Productions gekapert hatten. Nach der Sache bei Taiyō Electrics war er zu diesem Wagen zurückgekehrt und hatte ihn dann zu einem Stellplatz in einer verlassenen Lagerhalle gebracht, die unweit des Hauptquartiers im Stadtzentrum lag. Wenngleich dieser Wagen natürlich wesentlich moderner war und sich in einem besseren Zustand befand als der Agenturwagen, so hätten sie selbstverständlich nicht mit dem Streifenwagen zum Hafen fahren können, ohne ungewolltes Aufsehen zu erregen.
Yuri, Harry, Abigail und Yanny stiegen aus. Für die letzten drei war es auf der Rückbank des Ford während der Fahrt ziemlich eng geworden, trotz der zierlichen Staturen der beiden Damen. Abigail trug ein elegantes rotes Abendkleid und Yanny eines in schwarz, die Herren jeweils einen klassischen Smoking.
„Na, denn passt mal schön auf euch auf“, sagte Ralph, der hinter dem Steuer sitzen blieb und sich nun eine Zigarette anzündete. „Und wenn ihr Tafelsilber klaut, denkt daran es mit Taschentüchern zu umwickeln, dass es nicht klappert beim Rausgehen.“ Yuri streckte sich etwas und sah zwischen der Häuserzeile hindurch auf das ruhig daliegende Meer, dessen Oberfläche im Mondlicht glitzerte. Dann gab er einen Daumen nach oben in Ralphs Richtung.
„Schon schief gehen wird. Oder wie man in meiner Heimat sagt mit alte Weisheit: >Schlägst du Schädel ein auf Meer, steppt schon bald der fette Bär<“, dozierte Yuri brummend.
„Oh Gott, keines von diesen Sprichwörtern mehr!“, stöhnte Abigail genervt, während Yanny leise kicherte. „Wie kommt man überhaupt nur auf so einen Haufen Blödsinn!?“ Yuri machte daraufhin ein etwas beleidigtes Gesicht und überprüfte die Pistole, die wie immer hinten in seiner Hose am Gürtel verborgen war. Einen passenden Schalldämpfer für die Waffe hatte er mit Silberpapier umwickelt und als Zigarre getarnt in seine Jackettasche gesteckt. Seit die Verletzung an seiner Schulter vollständig ausgeheilt war, konnte er die Bewegung zu seinem Rücken zum Glück wieder ohne Einschränkungen ausführen. Die Damen hatten es da schon etwas schwieriger, ein wenig Ausrüstung in ihren winzigen Handtaschen an Bord zu schmuggeln. Abigail war deshalb auf die Idee gekommen, einen kleinen Dolch mit einer zusätzlichen Konstruktion ganz oben an dem Spitzenband eines ihrer halterlosen Strümpfe zu befestigen. Sie fühlte sich wohler damit. Carla Brandon hatte ihnen zwar zugesichert, dass die Körper von geladenen Gästen nicht von den Wachen nach Waffen abgetastet werden würden, aber sicher war sicher. Yuri hingegen ging mit seiner Pistole einmal mehr volles Risiko ein.
„Dann brechen wir mal besser auf“, sagte Harry und klopfte auf das grüne Autodach. „Warte einfach irgendwo in der Nähe auf uns und wir geben ein Zeichen, wenn wir wieder an Land sind“, sagte er zu dem Punk. „Wir suchen uns dann einfach eine Telefonzelle und rufen dich an“.
„Logisch!“, bestätigte Ralph. „Hier jibt et ja jenug wat man um die Zeit noch machen kann. Beste Ecke von janz Elysium“, grinste er.
„Nüchtern bleiben!“, rief ihm Abigail mit einem leicht strengen Unterton zu.
„Natürlich, Madame!“, sagte dieser lachend, startete den Motor und winkte zu Yanny zurück, die ihm zum Abschied zugewinkt hatte. Als die vier dann auf dem Weg zum Ankerplatz der Yacht waren, flüsterte Yanny gen Harry: „Ich hoffe das Schiff ist wirklich sicher. Ich kann nämlich nicht schwimmen…“ Harry überlegte auf diese Anmerkung hin. Tatsächlich hatten sie darüber nicht nachgedacht, bevor sie sich dazu entschlossen hatten, den Cyborg zu diesem Auftrag mitzunehmen. Ihr Metallskelett würde sie im Ernstfall auf den Meeresgrund hinunterziehen wie einen Stein.
„Was passiert, wenn du wirklich untergehen solltest?“, fragte er besorgt.
„Wenn es nicht zu tief ist, kann ich am Meeresgrund bis zum Ufer gehen“, antwortete sie und sah ihn an, als sie so nebeneinander hergingen.
„Was passiert, wenn es zu tief ist? Was genau wäre denn eigentlich zu tief?“, bohrte Harry nach. Man merkte seiner Stimmlage an, dass ihm ihre wage Erklärung nicht ausreichend war. Abigail und Yuri gingen vor den beiden her und hatten ihre Ohren nach hinten auf das Gespräch gespitzt. Yanny schien einen Moment zu überlegen und in sich hinein zu hören.
„Also ab 40 Metern wird es für meine organischen Bestandteile äußerst gefährlich, genau wie bei Menschen. Ab 100 Metern sollte es auch für meine restlichen Funktionen aufgrund des Drucks und des Salzwassers problematisch werden. Das ist allerdings nur eine grobe Schätzung, ausprobieren möchte ich es nicht“, erklärte sie dann und lächelte ihn an. Er räusperte sich etwas und wich dem Blick ihrer bezaubernden Augen aus, während eine sanfte Brise ihre Haare umspielte. Der schwere Duft des Meeres lag in der Luft und vermischte sich mit ihrem dezent fruchtigen Parfüm.
„Das… ähm…“, begann er den Satz und versuchte sich zu konzentrieren. „Das Meer ist hier in Küstennähe nicht so tief und die Sea Lord wird heute Nacht auch nicht all zu weit hinausfahren. Tiefer als 30 Meter wird es insgesamt nicht werden. Du musst dir keine Sorgen machen.“
„Danke“, sagte sie leise und dann nach ein paar Momenten: „Jetzt ist es aber an mir zu fragen, ob du aufgeregt bist. Eigentlich muss ich mir viel mehr Sorgen um dich machen, nicht wahr?“ Er stutzte und merkte, wie sein Mund leicht trocken wurde. Als Abigail, Yuri und er sich die Aufgaben für diesen Auftrag aufgeteilt hatten, war Yanny im Hauptquartier merklich ruhiger geworden und hatte einen eher bedrückten Eindruck gemacht. Die anderen hatten es als eine Art Lampenfieber vor ihrer ersten großen Aufgabe interpretiert. Yanny war zum Einen als Ablenkung gedacht. Sie entsprach einem klassischen Schönheitsideal in hohem Maße und konnte bei Bedarf schnell Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zum Anderen hatte sie sich auch tief in die menschliche Anatomie und den Medizinbereich eingearbeitet und würde Harry in der Ringecke beistehen. Harry war nämlich dazu auserkoren worden, den Leibwächter in dem Turnierfinale zu töten und hatte von Carla bereits die entsprechende Teilnehmermarke durch einen Boten erhalten. Abigail oblag es, sich unter die Gesellschaft zu mischen und genügend Infos über Dennis Dexters Laufwege auf dem Schiff herauszufinden, weil seine Frau als Informantin zu auffällig gewesen wäre. Sie würde als Gastgeberin selbst beide Hände voll zu tun haben. Yuri hingegen war dazu auserkoren, sich im richtigen Moment direkt um Dexter zu kümmern.
„Ich bin aufgeregt, ja“, beantwortete Harry ihre Frage ehrlich. „Man muss vor jedem Gegner Respekt haben, jeder Kampf könnte der letzte sein. Respekt… aber keine Angst.“
„Ich will alles tun um dir zu helfen“, flüsterte sie so leise, dass nur er es hören konnte und nestelte leicht nervös an ihrem Kleid. „Ich habe…“
„Da vorne, schauen!“, unterbrach Yuri das Gespräch und deutete auf die Szenerie am Hafen, die sichtbar geworden war als sie um die Ecke bogen. Dort lag sie, die Sea Lord. Eine der schönsten, modernsten und mit 160 Metern Länge und 25 Metern Breite auch eine der größten Yachten, die Elysiums Werft bisher hervorgebracht hatte. Ihre vier rund geschnittenen Stockwerke waren hell erleuchtet und gaben dem Schiff einen majestätischen, in der Dunkelheit der Nacht fast unwirklich erhabenen Schein. Hunderte von Personen scharten sich um einen roten Teppich. Es waren viele Kamerateams und Reporter anwesend und eine Flut von Blitzlichtgewittern ergoss sich über die prominenten und reichen Persönlichkeiten. Sie wandelten über die für ihre von privaten Fitnesstrainer geformten Körpern ausgelegte Ruhmesstraße und bahnten sich den Weg zum Schiff. Schicke Kleider, modische Frisuren, teurer Schmuck, Münder mit perlweißen Zähnen grinsten in lange Kameraobjektive oder gaben Kurzinterviews in die vor sie hingestreckten Mikrofone der Boulevardpresse. Die TRAP-Mannschaft sah sich dieses Schauspiel ein paar Minuten an, bis Harry den Beginn des Laufstegs ausgemacht hatte. „Wir müssen dort drüben hin, haltet schon mal Eure VIP-Ausweise bereit.“ Abigail sah an sich herunter auf ihr zwar schickes aber doch vergleichsweise schlichtes Kleid.
„Leute, ich will ja nichts sagen aber gegen die anderen sehen wir so aus als wären wir von einem Kostümverleih aus der Provinz ausgestattet worden“, stellte sie mit einem Hauch von Mutlosigkeit in der Stimme fest.
„Du kommen jetzt, wunderhübsche Dame, Nippel sich schließlich nicht abschneiden von selbst“, brummte Yuri zu Abigail und stapfte dann in Richtung der Security. Die Programmiererin wollte sofort zu einer Erwiderung ansetzen als ihr gewahr wurde, was der Hüne eben gesagt hatte.
„mh… du ungehobelter… furchtbar charmanter Muskelberg…“, grummelte sie und beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten. Harry und Yanny folgten knapp dahinter.
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