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Elysium Roman 4 – Kapitel 4: Dinge verändern sich


Als Sergej im Stadtzentrum von Neo Jakutsk aus dem reparaturfälligen dunkelgrauen Bus mit den vielen Beulen und Rostlöchern stieg, sah er aus wie einer der einfachen Landarbeiter, die hier in der Metropole ihr Glück versuchten, um schon nach wenigen Tagen von dem gigantischen Moloch aus Beton und Stahl für immer verschluckt zu werden. Die Söhne und Töchter der Bauern aus dem weiten Umkreis verloren sich in großer Zahl in den gefährlichen Straßen und Gassen, kehrten aus diesen oder jenen Gründen nie wieder zu ihren Familien zurück. Die Stadt war wie ein Bienenstock, in dem alle Bienen gegeneinander arbeiteten, solange sie nicht von einer größeren Kraft mit Gewalt zusammengehalten wurden. Diese Kraft war die PZN, die >Partei Zukunft Nordlande<. Sie war aus einer frühen Bewegung in der Besiedlungszeit hervorgegangen und übte großen Einfluss auf fast alle Städte aus, die hauptsächlich von russischer Kultur geprägt waren. Die Parteiführung selbst residierte in Utopia, der größten und einflussreichsten Metropole der Nordlande, die von hier einige hundert Kilometer entfernt lag. Sie regierte mit harter Hand und inszenierte sich offiziell als Partei von Recht und Gesetz mit einem Schwerpunkt auf Militär und Expansion. Tatsächlich herrschte jedoch vielerorts nur Korruption, Anarchie und rohe Gewalt. Und es wurde immer schlimmer, so viel zumindest hatte auch Sergej weit draußen auf dem Land schon mitbekommen.

Sergejs Kleidung fiel bereits kurz nach seiner Ankunft weniger durch seine Ärmlichkeit als durch die Mode auf, die im Gegensatz zu den Leuten hier wirkte, als hätte er die letzten 200 Jahre in einer Höhle zugebracht. Abschätzige und hämische Blicke von Vorbeieilenden in futuristischen Klamotten trafen ihn, als er in der großen Halle der einfahrenden Züge umherirrte. Sie hielten ihn mit seinem selbstgenähten Rucksack und seiner pelzbestückten Jacke wahrscheinlich für einen obdachlosen Tagelöhner. Es war inzwischen später Nachmittag und die Stadt hing unter einer immerwährenden dicken Glocke aus Smog. Hier im Norden war es ohnehin auch am Tag durch das diffuse Licht düsterer als im Süden von Purgatorium. Aber der Grauschleier aus Abgasen, der alles überzog, verstärkte die bedrückende Atmosphäre der dichten Plattenbauten und Hochhäuser noch um ein Vielfaches. Hier gab es keine Natur mehr, keinen Baum, keinen Strauch und keinen Vogel. Hier gab es nur Trostlosigkeit aus Beton. Wie konnten Menschen allen Ernstes freiwillig so leben? Sergej schüttelte aus Verständnislosigkeit in Gedanken den Kopf, hielt inne und sah sich zur Orientierung etwas um. Die einzige Buslinie im Umkreis seines Elternhauses hatte ihn in einer sechs Stunden langen Fahrt direkt in die Stadtmitte gebracht. Sein eigentliches Ziel, die Kaserne, eine der ersten Bauten während der Besiedelung, lag westlich von hier. Er konnte sich noch an seinen ersten und einzigen Besuch bei seinem Bruder vor vielen Jahren dort erinnern. Hoffentlich würde er das kreuzförmige Gebäude mit dem hohen Stacheldrahtzaun wiederfinden. Das Geld für ein weiteres Ticket dorthin mit der U-Bahn oder für eine Taxifahrt würde er besser sparen, schließlich würde er irgendwann auch wieder nachhause kommen müssen und sein Budget war äußerst knapp bemessen. Sein Plan war, von hier aus direkt zu Fuß dorthin zu marschieren. Sergej atmete die kühle und doch stickige Luft ein und stapfte mit seinen schweren Stiefeln los über den schlecht geräumten Fußweg und durch eine knöchelhohe Schicht aus dreckigem Schnee. Er verließ den Bereich des Hauptbahnhofs, in dem sich naturgemäß allerlei zwielichtige Gestalten tummelten. Das war auch vor Jahren schon nicht anders gewesen. Mehrere Male wurde er von Prostituierten beiderlei Geschlechts angesprochen, die ihre Dienste dort ganz offen feil boten. Wieder andere wollten ihm Drogen verkaufen und winkten schon von Weitem mit Spritzbesteck und kleinen Ampullen. Ein Mann öffnete direkt vor ihm auf dem Fußweg sogar seinen langen Mantel und hielt ihm eine ganze Riege an Handfeuerwaffen ins Gesicht, die er in der Mantelinnenseite an Klettverschlussbändern aufgereiht hatte. Sergej tat so als höre und sehe er die Angebote nicht, richtete seinen Blick schnell wieder geradeaus und beschleunigte seinen Schritt, um das Zentrum so zügig wie möglich zu verlassen. So schnell es sein noch immer schmerzender Fuß zuließ.

Auf seinem Weg sah er sich weiter um, sah die Schaufenster von Läden, in denen es so ziemlich alles gab, was man sich vorstellen konnte. Die Neonlichter und Reklameschilder blendeten ihn in ungewohnter Weise durch den milchigen Nebel, der unbeweglich in den Tälern der Hochhausschluchten hing. Ein Gewirr aus Stimmen, Autolärm, Musik aus den Läden, ab und an Schreie aus der Entfernung. Sergej strich sich seine langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, dachte nach, während er einen Fuß vor den anderen setzte. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Polizei dieser Stadt von der Unterwelt großzügig bestochen wurde und deswegen alle Augen zuzudrücken schien. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass dieser Ort bereits so dermaßen verkommen war. Es schien jetzt noch viel schlimmer, als er es in Erinnerung hatte. Er musste vorsichtig sein, kannte die Bräuche und Gepflogenheiten dieses Ortes nicht, musste sich so unauffällig wie möglich verhalten. Gleichzeitig musste er seinen Bruder finden. Er war sich immer noch sicher, dass ihm dies gelingen konnte. Das Gefühl, dass Artjom noch am Leben war, hatte ihn nicht verlassen.

Ein lautes Hupen direkt hinter ihm riss ihn aus den Gedanken und ließ ihn zusammenzucken, als er sich nun entlang der Hauptverkehrsader im dichten Gedränge auf dem Weg nach Westen befand. Er drehte sich um und sah gerade noch, wie ein Auto mit gewagter Geschwindigkeit auf ein anderes auffuhr, das gerade an einer roten Ampel wartete. Reifen quietschten und das Krachen des Blechs dröhnte laut über die ohnehin schon beachtliche Geräuschkulisse hinweg. Der anscheinend betrunkene Fahrer stieg aus und taumelte auf die Straße. Der Fahrer des an der Ampel wartenden Autos stieg aus und begann sofort, auf den anderen einzuschlagen. Momente später flogen Flaschen und andere Gegenstände aus der vorbeigehenden Menge auf die Szenerie und die aggressive Stimmung entlud sich in einer schnell größer werdenden Schlägerei mit immer mehr Beteiligten. Er musste hier weg, schnell! Noch während Sergej so dachte und sich wieder umdrehte um seinen Weg fortzusetzen, rempelte er geradewegs in einen brutal aussehenden Mann, der einen blaulackierten Anzug mit vielen Silbernieten und eine noch auffälligere Sonnenbrille mit grünen Gläsern trug. In der linken Hand hielt er eine relativ dünne aber sehr stabil wirkende Kette. Sie war aus kleinen Stahlringen gefertigt und an ihrem anderen Ende befand sich ein schwarzer Eisenring, der um den Hals eines Mädchens geschmiedet war. Das Mädchen schaute Sergej etwas geistesabwesend an. Sie mochte etwa 20 Jahre alt sein, ihre Kleidung war heruntergekommen und für die Temperaturen viel zu freizügig. Ihre schulterlangen braunen Haare hingen ihr ungepflegt und struppig übers ungewaschene Gesicht. Ihre Pupillen waren geweitet, wahrscheinlich stand sie unter Drogen.
„Sag’ mal Arschloch, was rempelst du mich an?“, schrie ihm der Mann in seinem harten Stadtdialekt mit zorniger Stimme entgegen. „Pass’ doch auf wo du hinrennst!“
„Entschuldigung…“, murmelte Sergej und versuchte zur Seite zu gehen, um sich keinen Ärger einzuhandeln.
„Entschuldigung reicht nicht, Penner! Ich kenne Abschaum wie dich genau! Du rempelst mich an, weil du meine Brieftasche klauen willst!“, schrie der Mann besessen. Wahrscheinlich hatte er sich kurz zuvor eine Linie Koks gezogen oder stand wie das Mädchen unter irgendwelchen Aufputschmitteln? Was war hier eigentlich los? Ging es in anderen Städten auch so zu? Der Mann griff fluchend in die Innenseite seines Anzugs. Sergej kniff die Augen zusammen und knurrte angespannt, während das Gebrüll der Schlägerei von der Straße her weiter an Fahrt aufnahm. Auch das noch… Sergej war Jäger und konnte die Gefahr spüren, wenn sie sich näherte. Er musste die Situation beruhigen, musste versuchen zu deeskalieren.
„Hören Sie, ich will wirklich nur hier die Straße entlang gehen… wir müssen nicht…“, begann Sergej. Weiter kam er nicht. Der Mann, der immer noch die Kette mit dem Mädchen in festem Griff hielt, zog mit seiner Rechten eine Pistole aus seiner Anzugtasche.
„Ich blas’ dich weg!“, knurrte der Mann und streckte die Waffe nach vorne um auf Sergej zu zielen. Seine Hand zitterte dabei leicht.
„Besser nicht…“, zischte Sergej. Dann packte er das Handgelenk des Mannes zielsicher aus einer halben Drehung mit seiner linken Hand und drückte die Waffe nach unten Richtung Boden. Der Mann hatte nicht mit dieser Aktion gerechnet, anscheinend war seine Reaktion durch die Substanzen in seinem Blut auch etwas verlangsamt gewesen. Der Mann drückte den Abzug durch und ein Schuss löste sich geradewegs in das Kopfsteinpflaster. Die direkt umstehenden Leute schrien und rannten in Panik auseinander. Sergej wusste nicht mehr, was er tun sollte. Der Mann ließ die Waffe nicht fallen und begann, ihn mit der anderen Hand zu schlagen. Die Kette spannte sich und das Mädchen, das daran hing, wurde mit einem Ruck zu ihnen herangerissen. Sie schrie dabei auf. Was konnte er tun? Das Ganze musste ein Ende haben, schnell! Jetzt! Sergej riss mit aller Kraft an der Hand des Mannes mit der Pistole und der Mann geriet aus dem Gleichgewicht, stolperte nach vorne. Ein weiterer Schuss löste sich aus der Waffe. Was war, wenn einer der Passanten oder er selbst in dem Gemenge einen Schuss abbekommen würden? Plötzlich stieg Panik in Sergej auf. Er griff mit einer schnellen Bewegung hinter sich, ergriff den Stiel des alten Handbeils seines Vaters, das er unsichtbar im Rückenteil seines Rucksacks verstaut hatte. Er riss das Beil heraus und schlug aus einer schwungvollen Drehung zu, traf den Mann mit einem wuchtigen Hieb seitlich am Hals. Das Beil blieb in seinem Gegner stecken. Ungläubig starrte ihn der Mann mit aufgerissenen Augen an, während das Blut aus der Wunde zu sprudeln begann. Dann ließ er die Pistole endlich fallen. Sergej zog das Beil mit einer ruckartigen Bewegung wieder aus dem Hals und der Mann brach langsam zusammen, während er nun auch die Kette fallen ließ und sich die Hände auf die klaffende Wunde presste. Sergej lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. In einem Moment, in dem es um Leben und Tod ging, hatten nur noch seine Instinkte reagiert. Das alles hier war aber nicht zu vergleichen mit den Kämpfen die er bisher ausgestanden hatte. Gegen Raubtiere, draußen in der Wildnis. Es war etwas anderes einen Menschen zu verletzen und in Notwehr zu töten. Mittlerweile herrschte offene Panik um ihn herum und auch die Schlägerei auf der Straße tobte immer noch.
„Du musst hier weg…“, sprach ihn das Mädchen etwas leidenschaftslos an, das plötzlich nahe bei ihm stand und langsam zu begreifen schien, was gerade eben passiert war. Der Tod ihres Peinigers hatte sie wach werden lassen, der Schleier über ihren Augen lichtete sich.
„Ich wollte eigentlich nichts anderes… wollte nur weg von hier“, antwortete Sergej fahrig und betrachtete sie einen Moment. Seltsam, wie sie so ruhig dastand in all dem Trubel und der Aufregung.
„Du solltest die Waffe nehmen“, fuhr sie fort und zeigte bedächtig auf die Pistole des Mannes, die zu seinen Füßen gelandet war.
„Also ich weiß nicht…“, erwiderte Sergej benommen.
„Du solltest sie nehmen, du wirst sie brauchen können“, beharrte das Mädchen und wischte sich übers Gesicht, während die Blutlache unter dem Körper des zuckenden Mannes größer wurde. Er zögerte noch einen Moment, nickte dann, hob die Waffe auf und steckte sie in seine Hosentasche. Dann versteckte er das blutige Beil mit einer geübten Bewegung wieder in der Halterung an seinem Rucksack.
„Ich… ich muss jetzt los…“, sprach Sergej zu ihr. Sie nickte.
„Ja“, erwiderte sie knapp. Er war schon im Begriff loszulaufen, da rief sie ihm nach.
„Warte!“ Er drehte sich noch einmal zu ihr um. Sie kam zu ihm heran und hielt ihm das Ende der Kette hin.
„Nimm’ mich mit, lass mich nicht hier stehen“, wies sie ihn trocken an.
„W-was?! Ich soll dich mitnehmen?“, japste Sergej erschrocken und machte eine abwehrende Geste mit seinen Händen. „Das ist völlig unmöglich! Du weißt ja nicht mal, wohin ich gehe.“
„Wieso? Wieso soll das nicht möglich sein. Nimm mich mit. Was soll ich denn hier? Er ist tot“, erklärte sie und deutete auf den Mann am Boden, der sie bis zu dieser Stelle hinter sich hergezogen hatte.
„Das… das geht nicht“, stotterte er und kam sich plötzlich unbeholfen vor.
„Die Polizei kommt sicher bald. Einen Mann auf offener Straße zu töten ist selbst hier keine Kleinigkeit. Sie werden mich einsperren. Wegen dir. Willst du das etwa?“, sprach sie nun mit einem beleidigten Unterton.
„So eine Scheiße schon wieder…“, brummte Sergej und rieb sich kurz über die Augen. Wo war er nur hier hineingeraten? Er war noch keine Stunde in dieser unsäglichen Stadt und schon in den größtmöglichen Schwierigkeiten.
„Nimm’ Kette!“, befahl ihm das Mädchen jetzt streng und wedelte mit dessen Ende vor seinem Gesicht herum. Sergej atmete tief durch. Für eine Sklavin hatte sie recht schnell einen ziemlich bestimmenden Ton am Leib. Allerdings hatte sie recht: auch sie musste schnell fort von diesem Platz.
„Geht das nicht auch ohne die Kette? Lauf mir doch einfach so nach?“, erwiderte er leicht genervt.
„Wie, ohne Kette?“, fragte sie ungläubig und zog die Augenbrauen hoch. Sergej stöhnte laut auf. Es war keine Zeit mehr für Diskussionen. Er nahm die Kette und begann mit ihr zu laufen. Sie machte dabei einen zufriedenen Gesichtsausdruck und folgte ihm nun ohne Widerworte durch die Menschenmenge und hinein in das Getümmel und den stinkenden Nebelschleier.


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