Elysium Roman 4 – Kapitel 8: Mein eigen Fleisch und Blut
August 4, 2023
Aksinja und Sergej gingen langsam auf den Haupteingang der Kaserne zu. Leichter Wind kam auf, wirbelte ein paar Schneeflocken umher und verwischte den Dampf, der zähflüssig durch die Deckel des Abwasserkanals hoch zur Straße kroch. Von seinem Ersparten hatte ihr Sergej neue Kleidung gekauft und war mit ihr beim Friseur gewesen. Der blonde Bob den sie jetzt trug, gab ihr eine erstaunlich frische Erscheinung und passte zweifellos vorzüglich zu ihr. Zusammen mit dem blauen Schal, den sie um Hals und Mund gewickelt hatte, dem langen, dicken dunkelgrauen Kleid, das die Kälte gut abhielt, hatte sie so optisch nicht mehr viel mit ihrem alten Ich gemein. Es war hoffentlich genug, um sie vorerst vor den Augen der Ewigen Wölfe unsichtbar zu machen. Wie lange der Effekt halten würde, konnte niemand wissen. Aksinja sah ihn immer wieder von der Seite an, während sie so nebeneinander hergingen. Schweigsam war er geworden in den letzten Stunden, ließ den Kopf leicht hängen. Die pechschwarzen langen Haare, die ihm bis fast zum Gürtel reichten, hingen ihm ins Gesicht. Sie hatten ein paar schöne Tage miteinander verbracht. Für Aksinja waren es die schönsten seit sehr, sehr langer Zeit gewesen. Er hatte ihr schließlich doch genauer erzählt, warum er seinen Bruder aufsuchen wollte, warum er die Reise wirklich angetreten hatte. Am Ende war es wohl nur ein irrationales Gefühl gewesen, das ihn hierher in die Stadt getrieben hatte. Sie konnte ihn verstehen, konnte seinen Wunsch nach absoluter Gewissheit nachvollziehen. Sie wusste wie es sich anfühlte, Familie zu verlieren. Auch wenn sie sich sehr sicher war, dass sein Herz nach dem Gefallenenbrief nur ein zweites Mal gebrochen werden würde. Leicht unruhig rieb sie sich die Finger warm, kaute auf einem Pfefferminzbonbon herum, versuchte sich von dem wiederkehrenden Verlangen nach den Drogen abzulenken. In den letzten Jahren war sie von dem betäubenden und schläfrig machenden Wunderstaub, wie das pinkfarbene Pulver umgangssprachlich genannt wurde, abhängig geworden. Ohne den Stoff hätte sie ihr bisheriges Leben nicht ertragen können. Der jetzige Entzug war nicht so zerstörend wie etwa der von Heroin oder anderen starken Drogen, die Auswirkungen eher vergleichbar mit einer schweren Nikotinabhängigkeit. Sie versuchte sich mit aller Kraft zusammenzureißen, ihre Gedanken zu ordnen. Dann zog sie die Stimme eines der Torwachen aus den Gedanken.
„Was wollen Sie hier?“, richtete der Soldat die Frage in einem neutralen Tonfall an die beiden.
„Mein Name ist Sergej Gromow und das hier ist meine Verlobte, Frau Aksinja Zwetkow“, begann Sergej und verwendete ihrer beider richtige Namen. Es hätte keinen Sinn gehabt, bei ihrem Namen zu lügen. Spätestens bei einer Ausweiskontrolle wäre eine Unwahrheit sofort aufgeflogen, die die Wache tatsächlich auch gleich durchführte. „Ich bin hier, weil ich mich nach meinem Bruder erkundigen wollte, Leutnant Artjom Gromow…“, erklärte Sergej weiter, während er ihre Dokumente wieder an sich nahm.
„Habe Sie einen Besuchstermin?“, fragte die Wache routiniert.
„Nein… es ist nur ich… ich würde ihn gerne sprechen. Es ist wichtig, etwas Familiäres…“, entgegnete Sergej. Er hatte bis zuletzt nicht gewusst, was er genau als Grund für seinen Besuch angeben sollte. In der Innentasche seiner Jacke steckte der amtliche Brief, dass sein Bruder an der Front gestorben war. Er erwähnte davon selbstverständlich nichts. Die Wache ging zu einem Unterstand in Tornähe, in dem neben einem Tisch mit einer Thermoskanne voll heißem Tee ein Telefon an der Wand angebracht war. Er wählte eine Nummer und erkundigte sich in kurzen Sätzen nach seinem Bruder. Dann kehrte er mit einem etwas finsteren Gesichtsausdruck zu den beiden zurück.
„Es wird gleich jemand kommen um Sie hier am Tor abzuholen“, wandte er sich dann an Sergej. Aksinja sah Sergej fragend an, nachdem sie sich etwas abseits gestellt hatten um zu warten.
„Immerhin besser, als wenn sie uns gleich weggeschickt hätten?“, flüsterte Sergej ihr zu und zwang sich zu einem Lächeln. Sie nickte und presste die Lippen aufeinander. Wenig später öffnete sich das Tor und ein hoher Offizier holte sie beide ab, der eine Hängeregisterakte unter seinem Arm mit sich führte. Er brachte sie in ein abgelegenes Einzelbüro. Nachdem sie sich alle gesetzt hatten, begann der Offizier, der offensichtlich im Rang eines Hauptmanns stand, nach einer kurzen Pause mit einer Erklärung.
„Herr Gromow, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Bruder im Einsatz vor einem Monat gefallen ist. Er ist während einer Offensive den Heldentod gestorben, für unseren Städtebund, für unsere Bewegung, für unsere Partei und für unsere Nation. Ihr Bruder hat das höchste Opfer gebracht, das ein Soldat geben kann. Sie hätten eigentlich hierüber schon längst eine Gefallenenmeldung erhalten sollen, die Sie aber ganz offensichtlich noch nicht erreicht hat. So aber spreche ich Ihnen nun hiermit mein aufrichtiges Beileid aus.“ Sergej hörte die seltsam emotionslos gesprochenen Worte und blieb stumm. Es war letztendlich das, was er erwartet hatte. War es nicht so? Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, hielt aber dann kurz inne. Etwas stimmte nicht, passte nicht zusammen. Der Hauptmann trug eine schwarze Uniform, die sich von den anderen Uniformen in der Kaserne deutlich unterschied. Durch seinen Bruder waren ihm auch die gängigen Abzeichen einigermaßen geläufig. Die Symbole, die dieser Soldat auf seiner Uniform trug, waren jedoch anders stilisiert. An der Stelle auf seiner Brust, an der eigentlich seine Bataillonsnummer hätte stehen müssen, war in silbernen Lettern nur ein Wort aufgestickt: >Prizraki<, … >Geister<…? Daneben ein Symbol mit zwei gekreuzten Schwertern unter einem Bärenkopf. Sergejs Blick wanderte zu der Akte auf dem Tisch. Es war ganz offensichtlich die Personalakte seines Bruders, so viel konnte er mit dem flüchtigen Blick lesen. Er erinnerte sich dunkel an einige Dinge, die ihm sein Bruder bei seinem letzten Besuch erklärt hatte. Akten von Gefallenen wurden normalerweise außen durch einen speziellen Stempel gekennzeichnet und nach der Gefallenenmeldung versiegelt in ein Zentralarchiv gebracht. Er schätzte, dass sich ein solches Zentralarchiv in der Hauptstadt Utopia befinden musste und nicht hier, in einer Satellitenstadt. Und warum waren sie von einem Hauptmann abgeholt worden, für ein solches Gespräch? Sein Bruder war zwar immerhin Leutnant, aber seine Familie hatte keinen hohen gesellschaftlichen Stand. Er, als Peripheriebewohner im Bauernstand war für die Partei nicht viel mehr wert als die Leute in den Slums. Warum nahm sich ausgerechnet ein Hauptmann für einen solchen Termin Zeit, der sicher mit wichtigeren Dingen beschäftigt war? Sergej zweifelte an allem, auch an dieser Situation. Nicht zuletzt auch an sich selbst. Bildete er sich hier nur etwas ein weil er nicht wahrhaben wollte, dass sein Bruder tot war? War er nur ein Idiot, der die Realität nicht sehen wollte, weil sie ihm zu viel Schmerzen bereitete? Der Hauptmann bemerkte sein Zögern.
„Eine solche Nachricht ist nicht leicht zu verwinden, geben Sie sich Zeit. Ich muss Sie nun bitten, das Gelände aus Sicherheitsgründen wieder zu verlassen. Ich werde gleich nach jemandem schicken, der sie wieder zum Ausgang begleitet“, erklärte der Hauptmann, immer noch in einem sehr neutralen, emotionslosen Tonfall.
„Haben Sie vielen Dank für Ihre Zeit, Hauptmann“, erwiderte Sergej. „Meine Frau und ich, wir finden den Ausgang, bitte bemühen Sie ihre Leute deswegen nicht“, entgegnete Sergej niedergeschlagen. Der Hauptmann nickte, öffnete die Tür des Büros und verabschiedete die beiden. Als sie das Bürogebäude verließen und in den offenen Bereich hinaustraten, sahen sie, wie drei große Mannschaftstransporter durch das Tor nach innen fuhren. Jeder von ihnen trug gut 50 Soldaten auf der Ladefläche. Das Pärchen hielten kurz inne um zuzusehen, wie die Transporter anhielten und die Soldaten sich in vollem Kampfanzug und schwer bewaffnet von ihren Sitzbänken erhoben und geordnet nach und nach von der Ladefläche sprangen. Aksinja ergriff Sergejs Hand und drückte sie sanft.
„Wir müssen gehen…“, sprach sie leise, als plötzlich ein vierter Transporter auf den Innenhof fuhr. Er war schwarz lackiert mit verdunkelten Scheiben, auf der Fahrertüre prangte ein Symbol mit zwei gekreuzten Schwertern und einem Bärenkopf. Sergej stutzte, griff dann Aksinjas Hand fester und ging mit ihr zügig um die Ecke des Gebäudes. Als er sich sicher wähnte, dass sie niemand beobachtet hatte, ging er mit ihr hinter einigen Kistenstapeln in Deckung.
„Was ist denn los? Was machst du?“, zischte sie überrascht.
„Ich will nur sehen, was es da mit dem Transporter auf sich hat“, erklärte er und deutete in die Richtung des schwarzen Wagens. Dieses sonderbare Gefühl, dass etwas nicht stimmte, es war nun stärker als jemals zuvor. Nur noch diese wenigen Minuten, dann würde er gehen und nie mehr wiederkommen, keine Fragen mehr stellen und alles wie es war akzeptieren. Er würde zurückkehren zu seiner Tante, die ihn brauchte, nachhause gehen.
„Wenn sie uns jetzt hier erwischen, wie wir uns hinter Vorratskisten verstecken…“, murmelte sie nervös mit unterdrückter Stimme zu ihm.
„Ich weiß, nur eine Minute, dann sind wir hier raus. Ich verspreche es“, flüsterte er zurück. Der schwarze Transporter öffnete sich, die beiden Hecktüren wurden von Innen aufgeklappt. Zuerst stiegen zwei Soldaten in schwarzen Uniformen aus, die Maschinenpistolen im Anschlag hatten. Als nächstes kam ein Mann in einem weißen Kittel und einer Sonnenbrille ausgestiegen, der ein paar Befehle in den Innenraum des Wagen gab, die Sergej von seinem Standpunkt aus jedoch nicht hatte verstehen können. Dann wackelte der Transporter ein wenig und ein großer Mann in einer schwarzen Uniform stieg aus. Er maß gute zwei Meter, hatte eine überaus kräftige Statur, einen akkurat geschnittenen Seitenscheitel, pechschwarzes Haar. Er bewegte sich etwas langsamer als die anderen Männer, leicht mechanisch. Sergej blieb bei dem Anblick das Herz stehen. Er erhob sich, konnte nicht glauben was er da sah. Aksinja bekam einen Schweißausbruch als ihr gewahr wurde, dass sich Sergej plötzlich aus der Deckung erhob. Sie musste irgendetwas tun, schnell! Sergej begann nun, wie in Trance auf diesen Mann zuzugehen. Sie kam nun ebenfalls aus der Deckung, schnappte sich schnellen Schrittes erneut seine linke Hand.
„Schatz, da drüben müssen wir raus“, sagte sie laut, grinste verlegen und deutete auf den Haupteingang. „Ich weiß, das war eine furchtbare Nachricht für dich. Lass uns einfach nachhause gehen und dort über alles reden“, fügte sie an.
„Ja“, erwiderte Sergej zögerlich, dessen Gedanken rasten, bog widerwillig in ihren Kurswechsel mit ein. Konnte es wirklich wahr sein? Aksinja zog ihn in die Richtung des Tors, weg von dem Transporter. Was immer hier vor sich ging, sie durften die Aufmerksamkeit dieser Männer nicht auf sich ziehen. In diesem Moment geschah es. Der große Mann, den Sergej von hinten als seinen Bruder Artjom erkannt hatte, drehte sich zu den beiden um. Er war es, er war es zweifellos. Aber etwas stimmte nicht an ihn. Es schien so als würde er eine Maske aus Latex tragen, die seinem eigenen Gesicht nachempfunden war. Für eine Sekunde sah Sergej Artjom in die Augen, die sich seltsam ruckartig bewegten, als sie ihm im Vorbeigehen folgten. Diese Augen wirkten leblos, tot, wie die einer Puppe. Auch die Proportionen des Körpers insgesamt schienen ebenfalls nicht ganz zu passen, waren klobiger, größer. Diese toten Augen hielten für einen kaum merklichen Moment inne. Nur ein hauchdünnes Anzeichen einer weit entfernten Erinnerung schien durch dieses Ding zu gehen, diese Monstrosität, die seinen Bruder darstellte. Ein winziger Funke Vergangenheit, durch dieses klobige Gebilde, das mit einer Haut aus Gummi überzogen war. Es war schließlich in alledem Aksinjas Hand, die Sergej rettete, ihn mitzog, durch das Tor und aus der Kaserne hinaus. Sie merkte wie sehr er zitterte, hielt nicht ein und stapfte voran, so lange bis sie nicht mehr in Sichtweite der Kaserne waren. Dann blieb sie vor ihm stehen, nahm seine Wangen in beide Hände und sah ihn an, versuchte ihn aus diesem alptraumhaften Zustand zu holen.
„Hast du den Mann gesehen?“, fragte er sie und sein Gesicht war immer noch kalkweiß von dem Schock.
„Ja. Er war furchtbar unheimlich, nicht wahr? Irgendwie künstlich“, antwortete sie.
„Es war Artjom, ich bin mir ganz sicher. Er hat mich aber nicht mehr erkannt“, erklärte Sergej und Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit.
„Er sah aus wie eine Leiche, eine Leiche aus Gummi“, flüsterte Aksinja.
„Und doch war er es, zumindest daran gibt es keinen Zweifel“, beharrte Sergej. Sie überlegte einen Moment und fragte dann:
„Was willst du jetzt machen? Eigentlich kannst du deswegen doch nichts unternehmen? Die bestehen darauf, dass dein Bruder im Einsatz gefallen ist und dieses Ding scheint dich nicht zu kennen?“
„Ich weiß es nicht“, erwiderte er und zuckte leicht mit den Schultern. „Aber ich muss die Wahrheit irgendwie herausfinden, sonst finde ich keine Ruhe.“ Leicht nervös sah sie sich um. Niemand war ihnen gefolgt oder beobachtete sie.
„Wenn du willst, helfe ich dir dabei. Hab zwar keine Ahnung wie das gehen soll aber vielleicht finden wir zusammen eine Lösung, bei der du nicht am Ende in einem Militärgefängnis landest“, sagte sie schließlich und spitzte die Lippen etwas. Er atmete tief durch und lächelte dann. Zum Glück war sie bei ihm. Er nickte ihr langsam zu.
„Danke“, sagte er leise.
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