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Elysium Roman 5 – Kapitel 2: Das Pendel schwingt zurück


Der aus dem Untergrund mitgebrachte Jagdhund Anton schlief glücklich auf einem dicken, breiten Kissen in der Ecke des Wohnzimmers der TRAP-Agentur und schnarchte leise vor sich hin. Vor ihm stand ein leergefressener roter Napf, in dem kein Krümel Futter zurückgelassen worden war. Abigail gähnte unweit von ihm herzhaft und zog sich die Decke übers Ohr. Dann streckte sie sich ausgiebig und nuschelte ein paar unverständliche Worte. Ihr Rücken schmerzte und als sie im Begriff war sich auf die Seite zu drehen um sich in eine bequemere Position zu bringen merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Das war nicht ihr Bett, das war nicht ihre Matratze auf der sie da lag.
„Hmmm…?“, gab sie einen Seufzer mit fragendem Unterton von sich und öffnete ganz langsam die leicht geschwollenen und rot unterlaufenen Augen.
„Oh hallo, du bist von selbst aufgewacht? Wie schön, ich dachte schon es wäre an der Zeit euch langsam zu wecken“, hörte sie Yannys helle Stimme neben sich. Abigail rieb sich kurz übers Gesicht und sah sich um. Sie lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, eingewickelt in Ralphs alte kratzige Decke, die er bis zu seinem Eintritt in die TRAP-Agentur jahrelang in seinem Auto liegen gehabt hatte. Natürlich hatte sie der Decke ganze drei Waschgänge verpasst, bevor sie von ihr zur allgemeinen Nutzung freigegeben worden war.
„Äh… was…? Wie spät ist es und warum liege ich hier herum wie eine Jutesack-Sushirolle?“, murmelte Abigail immer noch schlaftrunken, befreite sich von dem nach Waschmittel duftenden Stoff und brachte sich schmatzend und mit fast geschlossenen Augen in eine aufrechte Sitzposition. „Ach ja, ich erinnere mich. Wir hatten noch ein paar Bierchen gestern Nacht.“
„Ich nicht gewusst haben, dass du hast so zarte und warme Füße“, tönte da eine tiefe Stimme vom Boden zu ihr herauf. Abigail riss die Augen auf und sah nach unten. Unter dem halbhohen Wohnzimmertisch, der direkt vor dem Sofa stand auf dem sie geschlafen hatte, lag Yuri, nur in Unterhosen und Kampfstiefeln bekleidet. Ihre Füße, die sie unter den Tisch gestreckt hatte als sie in die Sitzposition gewechselt war, ruhten direkt auf seiner breiten Brust, die sich langsam hob und senkte.
„H-hey s-sag mal was machst du denn da unten?!“, japste Abigail, zog ihre Beine erschrocken hoch und winkelte sie an. „Und warum siehst du aus wie ein Stripper nach dem Auftritt? Wie hast du es überhaupt geschafft, dir die Hosen auszuziehen ohne aus deinen Stiefeln zu schlüpfen?“
„Das ich nicht wissen. Dachte wäre mein Bett hier wohl. Waren zu viele Bierchen gestern Nacht“, erklärte Yuri und kratzte sich im Bart.
„Sag mal Abigail, das finde ich jetzt aber auch nicht in Ordnung. Du sagst immer ich muss mir etwas anziehen und darf nicht nackt in der Wohnung sein und jetzt sitzt du selbst ohne Klamotten mitten im Wohnzimmer“, merkte Yanny mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton an. Sie stand immer noch neben ihr und hielt eine Thermoskanne in der Hand, die einen angenehmen Duft von frisch gebrühtem Kaffee verströmte.
„Wie?“, fragte Abigail verblüfft, sah an sich herunter und stieß dann ein entsetztes Quietschen aus. Yanny hatte recht, sie war nackt. Sofort griff sie sich wieder die alte Autodecke und wickelte sich erneut darin ein. „Wo sind meine Klamotten?! Oh Gott, das ist so peinlich!“
„Ich haben alles gesehen, alles!“, grinste Yuri breit und krabbelte langsam und vorsichtig unter dem Tisch hervor, um sich nicht den Kopf zu stoßen.
„Und da sagst du nichts… du… du schrecklicher Mensch!“, knurrte Abigail. Dann entdeckte sie ein Knäuel Wäsche, das sie wohl beim Schlafen in der Sofaecke zusammengedrückt hatte, packte es und warf es nach Yuri. Das Knäuel traf ihn direkt am Kopf und zerfiel in seine Einzelteile. Abigails schwarzer BH blieb über seiner Schulter hängen, als er sich aufrichtete.
„Heh… das immer besser wird“, lachte der Hüne, nahm das Kleidungsstück und besah es sich demonstrativ genauer, indem er es mit den Daumen und Zeigefingern an den Trägern nahm und sich direkt vor die Augen hielt. Die Computerspezialistin zog sich die Decke schnell über den Kopf, um ihr rotes Gesicht zu verbergen.
„Mein Arbeitskollege ist ein Fetisch-Lüstling und ich Idiotin erwecke seine kruden Neigungen auch noch unabsichtlich…“, murmelte sie unter zusammengepressten Zahnreihen hervor.
„Aby… Wenn du damit fertig bist deine Unterwäsche im Zimmer zu verteilen, möchtest du dann vielleicht eine Tasse Kaffee?“, sagte Yanny und kribbelte mit den Fingerspitzen an Abigails wieder unter der Decke eingewickelten Schulter.
„Ja“, grunzte diese und schob den Kopf dann langsam wieder ins Freie. „Bitte, nur mit Milch.“
„Wo ist eigentlich Harry?“, fragte Yuri, der Abigails restliche Kleidung mittlerweile wieder vom Boden aufgehoben hatte und nun fein säuberlich neben ihr auf das Sofa legte, bevor er sich auf die Suche nach seinen eigenen Sachen machte. „Er hat doch getrunken auch mit uns gestern?“
„Ja, er war auch ziemlich betrunken. Kein Wunder, er trinkt eigentlich nie Alkohol. Ich habe ihn ins Bett getragen“, erklärte Yanny beiläufig und begann, die auf dem Tisch bereitgestellten Tassen mit dampfendem Kaffee zu füllen. „Die Milch kommt gleich noch, einen Moment bitte.“
„Du hast Harry ins Bett getragen?“, fragte Abigail verwirrt nach.
„Ja… Er ist… immerhin schwer verletzt… es ist für seine Genesung wichtig, dass er sich so entspannt wie möglich ausruhen kann“, erwiderte Yanny zögerlich ohne den Blick von den Tassen zu nehmen. Abigail kniff ein Auge zu und beobachtete den Cyborg beim Einschenken. Sie trug ein enges weißes Tank-Top und schwarze Jeans, die frisch gewaschenen, schulterlangen Haare hingen leicht zerzaust herab. In der nächsten Zeit würde noch etwas Übung in Haarpflege von Nöten sein.
„Mhm… Stimmt schon“, gab die Computerspezialistin leicht skeptisch zurück um dann festzustellen: „Uns hast du nicht ins Bett gebracht?“
„Ihr habt schon so tief geschlafen… ich wollte euch deshalb nicht unnötig aufwecken“, antwortete Yanny etwas ausweichend und linste kurz zu Abigail, deren Mundwinkel daraufhin unmerklich nach oben gingen.
„Verstehe“, nickte sie und drückte sich mit der flachen Hand eine noch vom Schlafen abstehende Haarsträhne zurecht.
„Was denn?“, fragte Yanny zurück.
„Och, nichts“, grinste Abigail kurz und begann dann, Stück für Stück ihrer Wäsche unter die Decke zu ziehen und sich auf diese Weise verdeckt anzukleiden. Als Yanny wieder in der Küche verschwunden war um die versprochene Milch zu holen, öffnete sich die Schlafzimmertüre und Harry kam langsam ins Wohnzimmer geschlurft. Er sah so aus, als wäre er nicht nur von einem, sondern gleich von mehreren Lastwagen überfahren worden. Seine kurze graue Schlafanzughose hing nur notdürftig an ihm und weiter trug er nichts als den großen frischen Verband, der seiner erneut gebrochenen Rippe etwas Stabilität verlieh und offensichtlich von Yanny gestern Nacht noch erneuert worden war. Abigail musste abermals lächeln als sie daran dachte, wie schnell der Cyborg in Windeseile komplizierte Sachen aus dem Medizinbereich lernte, angeblich aber immer wieder vergaß sich Unterwäsche anzuziehen.
„Guten Morgen Harry“, grüßten Abigail und Yuri den Neuankömmling fast gleichzeitig.
„Guten Mor…“, setzte dieser an und konnte seinen Satz nicht mehr vollenden, weil Yanny mit der Milch aus der Küche geschossen kam. Schnell stellte sie den weißen Karton auf dem Tisch ab und wandte sich ihm zu.
„Guten Morgen Harry! Wie geht es dir? Wie hast du geschlafen? Wie fühlst du dich? Ist alles in Ordnung? Sitzt dein Verband noch richtig? Möchtest du eine Schmerztablette? Hast du durchschlafen können? Bist du gut erholt? Soll ich dir gleich einen Kaffee einschenken? Mit Milch und Zucker? Wir haben auch Süßstoff, wenn du magst. Was möchtest du zum Frühstück?“, überschüttete sie ihn mit Fragen und sah ihn dann mit ihren großen Augen erwartungsvoll an. Abigails Kopf verschwand wieder unter der Decke um ihr breites Grinsen zu verbergen. Yuri hingegen fand immer mehr von seiner verstreuten Kleidung und hob diese unbeirrt Stück für Stück vom Boden auf.
„D-Danke… Ich also… ich würde erstmal kurz ins Bad gehen…“, antwortete der von den vielen Fragen völlig überforderte Harry.
„Letzte Woche habe ich einen Artikel in einer Medizinzeitschrift über einen Akupunkturpunkt bei unkontrollierbarem Harndrang gelesen“, erwiderte sie fröhlich. „Wenn du möchtest können wir das gerne ausprobieren.“
„Ich… gehe eben nur schnell absolut kontrolliert aufs Klo, dann können wir uns gleich weiter unterhalten“, meinte Harry und deutete mit dem Daumen hinter sich auf die Türe des Badezimmers. Dann torkelte er kraftlos wie ein fleischgewordenes Fragezeichen seinem Ziel entgegen.
„Ruf einfach, wenn du Hilfe brauchst“, gab sie ihm noch mit fürsorglicher Stimme hinterher.
„J-ja, okay“, stotterte Harry und schloss die Türe hinter sich. Abigail kicherte leise vor sich hin und schlüpfte mittlerweile voll angekleidet unter der Decke hervor.
„Hilfe beim aufs Klo gehen, das mag er bestimmt“, stellte sie fest.
„Oh… ooooh… hat man das eben falsch verstehen können?“, fragte Yanny und wuschelte sich verlegen durch die Haare.
„Vielleicht ein wenig“, grinste Abigail, griff nach ihrer Kaffeetasse und nahm einen großen Schluck.
„Meinst du er ist jetzt böse auf mich?“, sah Yanny sie erschreckt an.
„Harry böse auf dich? Niemals. Nicht in dreitausend Jahren“, winkte Abigail ab und hatte immer noch dieses schwer zu deutende Grinsen im Gesicht. „Du kümmerst dich doch total lieb um ihn.“
„Findest du? Ich habe mir viele Sorgen gemacht, als ihr so lange dort unten in den U-Bahn-Schächten wart. Ich will nur, dass euch nichts passiert“, sagte Yanny und ihr plötzlich so ernster Blick ruhte dabei auf Abigail. Die hingegen verlor ihren heiteren Ausdruck nicht und nickte langsam. Sie musste noch einmal daran denken, wie knapp es bei dem Kampf gegen die Crawler geworden war. Der große Muskelberg, der gerade ein paar Meter von ihr entfernt stand und seine Kleidung wieder anlegte, hatte ihr in letzter Sekunde das Leben gerettet. Abigail ging zu Yanny, stellte ihre Tasse auf den Tisch und umarmte sie fest.
„Wir sind immer so vorsichtig wie es nur irgend möglich ist. Fest versprochen“, flüsterte Abigail Yanny ins Ohr, die die Umarmung erwiderte und daraufhin erleichtert wirkte.
„Danke“, gab sie mit weicher Stimme zurück und küsste Abigail sanft auf die Wange. Abigail – sichtlich überrascht aufgrund dieser Geste – errötete daraufhin leicht und löste die Umarmung langsam.
„Entschuldigung, war das falsch?“, fragte Yanny und sah sie fragend an.
„N-Nein“, sagte Abigail, schnappte sich schnell ihre Kaffeetasse wieder und trank sie verlegen in einem Zug leer.
„Du machst den besten Kaffee der ganzen Stadt!“, erklärte sie und schnippte leicht gegen das Trinkgefäß, um ihrer Reaktion eine möglichst plausible Erklärung folgen zu lassen. Das war nicht gelogen, der Kaffee schmeckte zweifellos ausgezeichnet.
„Danke! Ich schenke gleich nochmal nach“, nickte Yanny, als sich mit einem mal die Wohnungstüre öffnete und Ralph mit zwei großen Einkaufstaschen in den Händen hereinspazierte. Einkaufen gehen war neben Autofahren eine seiner wichtigsten Tätigkeiten in der Agentur geworden und er erfüllte sie nach wie vor mit großer Leidenschaft. Durch Yuris erhöhten Kalorienbedarf reichte eine wöchentliche Shoppingtour für die kleine Küche nicht aus. Wenn sich der massige Russe erst einmal am Kühlschrank festgesaugt hatte, um den brennenden Hunger nach seinem Krafttraining zu stillen, blieb meist nicht mehr viel Essbares übrig.
„Na, habt ihr endlich ausjeknackt? Is ja drollig, wie unsere brutale Agentur nach ein paar Schluck Alkohol zum Mittagsschläfchenraum für Kindergärtner mutiert“, blökte Ralph beschwingt und schleppte die Taschen in Richtung Küche.
„Bruder, hast du nicht auch gesoffen Bierchen gestern?“, fragte Yuri gen Ralph, während er noch mit ein paar letzten Handgriffen seinen Gürtel justierte, woraufhin der alte Punk sein meckerndes Lachen erschallen ließ.
„Mein Junge, von den zwölf Bierchen gestern Abend bin ick nicht betrunken. Hab allein vorhin schon zwei auf der Fahrt zum Supermarkt im Auto weggeknallt“, erwiderte er und verschwand mit seiner Beute in der Küche.
„Ralph!“, zischte Abigail laut und ungehalten. Der Punk schwieg für einige Momente als ihm wieder einfiel, dass sie Alkoholkonsum in jeglicher Form zu Dienstzeiten nicht schätzte.
„Wow, wer hat denn da die Küche so toll jewienert? Hier strahlt und glänzt es wie im Palast der goldenen Stadt! Da braucht man ja direkt ne Sonnenbrille“, versuchte er wie beiläufig vom Thema abzulenken, indem er Abigails Reinigungskünste indirekt lobte und klapperte demonstrativ mit den frischen Konservendosen, die er in die Schränke schlichtete.
„Du bist die Woche mit Badputzen dran! Und zwar gründlich!“, herrschte die Programmiererin in Ralphs Richtung.
„Ja Madame!“, kam seine Antwort ergeben zurück.
„Lass mich vorher erst noch rauskommen…“, seufzte Harry, der aufgrund der erhöhten Lautstärke leicht alles hatte mitbekommen können und nun zum Tisch ging. Yanny kam ihm mit einer frisch eingeschenkten Tasse entgegen und lächelte ihn an. Er nahm diese dankbar an und lächelte zurück, als sich ihre Blicke trafen.
„Habt ihr jetzt eijentlich schon einen Plan besprochen wegen POWERS?“, schallte Ralphs Stimme erneut aus der Küche.
„Nein, machen wir gleich“, antwortete Abigail und nippte ihrerseits an ihrer zweiten Tasse.

Eine Viertelstunde später hatte sich die TRAP-Agentur vollzählig und vollständig angekleidet um den Wohnzimmertisch versammelt, inklusive Anton, der brav neben Yuri auf dem Boden saß und von ihm am Kopf gestreichelt wurde.
„Wenn wir nochmal alle Informationen durchgehen die wir bis jetzt gesammelt haben, gibt es eigentlich nur ein mögliches nächstes Ziel: POWERS Generating Plant“, fasste Abigail als Einleitung die geringen Erkenntnisse der gestrigen Wiedersehensfeier zusammen.
„So ist“, bestätigte Yuri.
„Wie wollt ihr das denn machen? Einfach reinspazieren und die Säcke zu einem Jeständnis zwingen? Daumen bis zum Anschlag umbiegen, damit sie ihre Sauereien zugeben?“, warf Ralph ein und kam der Problematik dieses nächsten Schrittes ohne Umschweife auf den Grund.
„Genau das“, nickte Harry, dessen Gesichtsausdruck sich wieder verfinstert hatte. Die Eindrücke aus der Aon-I-Stadt Gwyneran hatten den Auftrag für ihn auf eine andere, auf eine viel persönlichere Ebene verschoben. Die anderen sahen ihn überrascht an.
„Gefällt mir schon mal. Wie willste dat machen?“, fragte Ralph nach und kratzte sich am Hinterkopf. „Die Karre unten ist volljetankt, können gleich los.“
„Wir brauchen einen Grund beziehungsweise eine Erlaubnis in irgendeiner Form, um mit der Unternehmensführung alleine sprechen zu können. Die dürfen keinen Verdacht schöpfen. Wenn wir das schaffen, versuchen wir sie dazu zu bringen ein Geständnis in ein Diktiergerät zu sprechen. Zusätzlich brauchen wir noch Beweisdaten aus deren Netzwerk. Egal ob wir das Geständnis bekommen oder nicht, wir werden in jedem Fall die Führungsebene eliminieren. Wir ziehen das schnell und sauber durch, sind wieder weg bevor die merken was los ist“, erklärte Harry mit kalter Sachlichkeit.
„Geil!“, lachte Ralph laut auf. „Jefällt ma!“
„Du willst die Führungsebene eliminieren?“, fragte Abigail erstaunt. Auch Yanny wusste nicht, was sie von diesem Vorschlag halten sollte. Es war höchst ungewöhnlich, dass der sonst so beherrschte Harry von sich aus einen derart drastischen Weg einschlagen wollte. Dieses Vorgehen war nicht direkt mit dem Ziel des Auftrags zu rechtfertigen und sie konnte seine Beweggründe noch nicht zur Gänze nachvollziehen. Dennoch stand für sie ohne zu zögern fest, dass sie ihm und seinem Urteil vertraute, dass sie ihm folgen würde. Wohin auch immer und wie schwer es auch werden würde. Nach einer kurzen Pause erläuterte Harry seine Gedanken.
„Wir sind es den Aon-I schuldig, wenigstens ein winzig kleines Stück Gerechtigkeit wiederherzustellen. Ich warte doch nicht, bis unsere träge Justiz langsam in die Gänge kommt und die Schweine dann mit einer Bewährungsstrafe aus dem Gerichtssaal marschieren, als wäre nichts gewesen. Die Polizei wird außerdem genug damit zu tun haben, sich um die angeheuerten Söldner des Unternehmens und die radioaktive Verseuchung im Untergrund zu kümmern. Die können froh sein, wenn ihnen dabei nicht auch noch ein paar Multimillionäre dazwischenfunken, die ihren angerichteten Genozid verschleiern werden wollen“, erwiderte Harry und tippte dabei mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. „Irgendwelche Einwände gegen das Vorgehen?“
„Für mich völlig in Ordnung“, merkte Yuri zustimmend an und streckte seine Hände durch. Abigail zögerte einen Moment und rieb sich die Nase, bevor sie antwortete.
„Ja, ist okay. Du hast schon recht. Gegen die Bosse von POWERS war Dennis Dexter geradezu ein Waisenknabe. Wir tun nicht nur der Stadt sondern auch den Aon-I damit einen Gefallen, auch wenn das die Toten nicht zurückbringen und das Crawlerproblem lösen wird“, erklärte sie schließlich.
„Mit dieser Erklärung kann ich deine Gedanken jetzt nachvollziehen“, nickte Yanny Harry zu, der immer noch in seinen finsteren Pose verharrte. „Die Entscheidung ist sicherlich richtig.“
„Wir zumindest Anhaltspunkt haben, wie die meisten Crawler von U-Bahn-Stationen abgeschreckt werden können“, meinte Yuri und kraulte Anton hinter den Ohren. „Kennak-Laar doch erzählt hat, dass in Aon-I-Mythologie gibt Dämonen, die Hunden ähnlich sind und Crawler dadurch immer noch Angst vor ihnen haben. Polizei soll Hundestaffeln zur Absicherung von Bahnhöfen und Technikern schicken. Wird Problem nicht ganz lösen, aber Lage insgesamt durchaus verbessern.“ Anton bellte einmal wie zur Bestätigung und wedelte fröhlich mit dem Schwanz.
„Das ist eine verdammt gute Idee, Großer!“, freute sich Abigail und rieb sich die Hände. „Jetzt brauchen wir nur noch eine Eintrittskarte für POWERS, dann kann unsere nächste Aktion starten.“
„Wie wäre es mit Presseausweisen?“, fragte Yanny in die Runde. „Unternehmen sind immer an Werbung interessiert. Wenn wir denen glaubhaft versichern können, dass wir ein Interview mit der Unternehmensführung bezüglich ihrer sauberen und sicheren Energie führen wollen und das dann im Daily Observer veröffentlichen, bekommen wir höchstwahrscheinlich schnell einen Termin. Ich habe gestern Nacht noch ein wenig im Teletextinternet recherchiert, als ihr geschlafen habt. Die Unternehmenschefin heißt übrigens Dr. Kelly Malcom. Ihr Name findet sich unter anderem auch bei vielen Charityveranstaltungen für soziale Zwecke. Ist schon sonderbar, sie hat ausschließlich gute Presse.“
„Die perfekte Tarnung, um von den eigenen Leichen im Keller abzulenken“, nickte Harry. „Deine Idee halte ich für ausgezeichnet. Bekommen wir solche Ausweise über Will Morgan bei der Mordkommission? Die sollten doch eigentlich keine Probleme damit haben, die Dinger für uns zu fälschen, wenn wir sie für unseren Auftrag brauchen? Wenn sie uns eine Villa in Aussicht stellen, sollten ein paar bedruckte Plastikkarten kein Hindernis darstellen.“
„Ich kann gleich dort anrufen“, bestätigte Yanny. „Dann könnt ihr euch noch in Ruhe ausrüsten und vorbereiten. Ich habe vorgestern extra noch eine dünne Panzerweste für dich gekauft, um deinen verwundete Stelle besser zu schützen“, fügte sie mit sanfter Stimme hinzu.
„Du bist die Beste“, antwortete er leise und lächelte ihr zu. Trotz der bevorstehenden Gefahr und trotz seiner verbissenen Rachegedanken war sie es, die seine Züge für einen Moment lang wieder weich werden ließ.
„Wenn der Plan wirklich gelingt, wie können wir wieder Kontakt zu den Aon-I aufnehmen?“, hakte Yanny nach.
„Wir haben ihnen eines unserer beiden Funkgeräte gegeben, damit sollten wir sie in dem Bereich der unterirdischen Stadt schnell wiederfinden können“, erklärte Abigail. Yanny nickte, erhob sich und ging zum Telefon.


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