Elysium Roman 7 – Kapitel 7: Opferbereitschaft
February 16, 2024
Yanny kniff für einen kurzen Moment die Augen zu, als die Kugeln in ihren Oberschenkel eindrangen und ihr menschliches Gewebe dort zerrissen. Sie hatte ihr Schmerzempfinden schon vor dem Kampf auf 50 Prozent herabgesenkt, entschied sich jetzt aber es bis auf das ihr mögliche Minimum von nur noch 10 Prozent zu drosseln. Es gab einen einfachen Grund, warum sie damit so lange gezögert hatte: ihr Körper fühlte sich durch die Absenkung der Empfindungen schlichtweg taub an. Es zeigte ihr ganz offen und unverblümt woraus sie eigentlich bestand: Maschinenteile, überzogen von einem künstlichen Organismus, aus menschlicher DNA gezüchtet. Diese Taubheit, diese gedämpfte Empfindungsfähigkeit war etwas, das ihr mehr Angst machte als die Aussicht auf Schmerzen. Spätestens jetzt hatte sie aber keine andere Wahl mehr, nahm wahr wie eine weitere Kugel in ihr Bein einschlug und auf der anderen Seite wieder herausschoss, Teile ihres Fleisches mit sich riss. Erneut sprang sie nach vorne, wich der nächsten Salve geschickt aus. Lazarus hatte ein weiteres Magazin leergeschossen und musste nachladen. Das gab ihr die Gelegenheit zu einem Gegenschlag. Der russische Cyborg stampfte in ihre Richtung aber er vermied die Treppe, die ihn nach oben auf ihren Vorsprung geführt hätte. Sie wusste, dass er nicht über die gleiche Rechenleistung wie sie verfügte und sein nur noch teilweise intaktes, organisches Gehirn war ein weiterer Flaschenhals wenn es um schnelle Entscheidungen ging. Allerdings hätte sie erwartet, dass er versuchen würde den Höhenunterschied zwischen ihnen beiden zumindest auszugleichen. Seit der Frühgeschichte der Kriegsführung war es bekannt, dass man von einer erhöhten Position aus einen Vorteil in einer Schlacht besaß und dieser Artjom Gromow war in seinem vorherigen Leben Soldat gewesen. Er musste sich dessen bewusst sein. Stattdessen blieb er einfach unten und lud unbeeindruckt nach. Es gab also Hoffnung ihn lange genug auf Distanz halten zu können, bis ihre Kameraden seine Steuerung in der Basis erreicht haben würden. Einen Funken Hoffnung, dass alles gut werden würde. Sie sprang hoch und landete mit beiden Füßen direkt auf dem Geländer des Vorsprungs. Der Sensor für ihren Gleichgewichtssinn tarierte den Schwung aus und hielt sie mühelos in einer geraden Position. Wäre sie jetzt vornüber gestürzt, sie wäre gut zehn Meter nach unten gefallen. So aber hielt sie ihre Stellung und legte das Gewehr an. Sie musste einen Wirkungstreffer erzielen, jetzt sofort! Es half nichts, weiter nur auf sein unempfindliches Skelett zu schießen. Ihr Fadenkreuz nahm seinen linken Oberkieferknochen ins Visier.
„Wollen wir doch mal sehen, ob du überall so gut gepanzert bist“, flüsterte sie und drückte den Abzug durch. Die Salve donnerte mit einem mächtigen Mündungsfeuer aus ihrer Waffe und mit ihrer enormen Körperkraft erlaubte sie keinen Millimeter Abweichung, trotz des heftigen Rückstoßes. Die Kugeln fanden ihr Ziel und schlugen nahezu alle in die gleiche Stelle ein. Das Kiefergelenk hielt den Einschlägen nicht stand und zersplitterte, fast ein Drittel der Gummihaut wurde vom Kopf ihres Gegners gerissen, dessen Unterkiefer jetzt nur noch an der rechten Seite befestigt war. Der Kiefer hing schräg nach unten und Lazarus konnte ihn nicht mehr schließen. Hatte er zuvor schon unheimlich genug ausgesehen, wirkte er jetzt durch diese Beschädigungen im Gesicht wie direkt aus einem Horrorkabinett entsprungen.
Er brauchte ein paar Momente um zu realisieren was eben geschehen war, nachdem die durch den Treffereinschlag entstandene Bildstörung seiner Augen sich wieder normalisiert hatte. Er zielte und schoss, um sofort zum Gegenschlag auszuholen. Seine Gegnerin hatte dies einmal mehr vorausgesehen und sprang erneut zur Seite, wieder nach rechts. So funktionierte das also nicht, er musste sich etwas einfallen lassen um ihr die Geschwindigkeit zu nehmen. Noch während er schoss, achtete er diesmal jedoch nicht auf Yanny, sondern scannte den Vorsprung auf dem sie stand. Dieser bestand aus einfachen Eisengittern, die sich allerdings nicht mehr in dem besten Zustand befanden. Die Müllverwertungsanlage war ein staatlicher Betrieb und nicht gerade gut finanziert, Teile des Komplexes waren wartungsbedürftig. Er entdeckte mehrere Schwachstellen in dem Vorsprung, erkennbar weil die einzelnen Platten nicht mehr plan zueinander standen. Lazarus feuerte, trieb seine Gegnerin damit noch weiter nach rechts und klinkte dann das Magazin aus seinem Gewehr, ließ es ganz demonstrativ zu Boden fallen und zog ein weiteres aus seinem Gürtel um nachzuladen. Sie würde ihre Taktik so lange nicht ändern wie sie davon überzeugt war, dass sie zum Ziel führen würde. Es geschah genau, wie es zu erwarten gewesen war. Wieder eröffnete sie ihrerseits das Feuer auf ihn und die Kugeln prasselten auf seinen Körper hernieder. Diesmal aber, im Gegensatz zu vorhin, hatte er die Distanz zu ihr verringert. Anstatt das Gewehr nun fertig nachzuladen erhob er blitzschnell den rechten Arm, öffnete seine blanke Handfläche und hielt sie in die Richtung der Eisengitter, auf der Yanny stand. Ein dumpfer Knall ertönte als aus seiner Handfläche ein Projektil schoss, das ein dünnes Stahlseil hinter sich herzog. Es wurde aus seinem Unterarm nach vorne abgerollt wie ein Köder an einer Angelschnur. Man hatte ihm diese Enterhaken in die Arme gebaut, damit er sich wenn nötig aus gefährlichen Situationen selbst befreien konnte, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gab. Wenngleich das Stahlseil sehr dünn war, hatte es jedoch eine enorme Tragkraft. Es war derzeit das Beste seiner Art, das auf diesem Planeten zu finden war, entwickelt in einem Forschungslabor der Nordstädte. Jetzt aber war nicht die Zeit sich damit etwa aus irgendeiner Grube zu ziehen, jetzt benutzte Lazarus den Enterhaken direkt als Waffe. Das Projektil durchschlug das Eisengitter auf dem Yanny stand, platzte auf und spreizte dabei drei Widerhaken ab, die sich beim Zurückziehen direkt in den Löchern verkeilten. Lazarus riss mit aller Kraft an dem Enterhaken und das Gitter brach an einer Stelle. Yanny verlor das Gleichgewicht und stürzte, als sich ihr rechter Fuß in dem sich öffnenden Spalt verkeilte. Sie hatte zu viel Eigengewicht und ihr Bein rutschte noch weiter nach unten in den sich bildenden Zwischenraum, bevor sie sich mit den Händen abstützen konnte. Verzweifelt versuchte sie sich wieder hochzuziehen, während der Enterhaken schon wieder eingezogen wurde und in Lazarus Hand zurücksauste. Das damit wieder in die Ausgangsposition zurückschnappende Eisengitter quetschte ihren Oberschenkel ein. Als ob dies nicht schon furchtbar genug gewesen wäre, spürte sie schon einen Moment später einen heftigen Schmerz direkt in ihrem Knie. Lazarus hatte, noch während er den einen Enterhaken einzog, aus seiner anderen Hand einen zweiten geschossen, der nun ihr Knie durchschlug und seinerseits drei Widerhaken abspreizte. Sie schrie auf, als er von unten begann mit dem Stahlseil an ihrem Bein zu reißen, während sich die Widerhaken tief in ihr Fleisch gebohrt hatten. Ihre Systemsteuerung meldete, dass das Kniegelenk zerstört worden war, ihr Blut tropfte in einem Rinnsal aus ihrem Hosenbein nach unten. Sie krallte sich mit den Fingern in der Bodenplatte fest, versuchte verzweifelt sich zu halten aber der Zug von unten wurde stärker und stärker. Sie musste mit ansehen wie ihr Gewehr, das ihr zuvor durch den Sturz aus den Händen geglitten war, nun nach unten und damit außer Reichweite fiel. Yanny musste dieses Seil loswerden, irgendwie, schnell! Währenddessen hatte Lazarus den ersten Enterhaken wieder vollkommen eingezogen und wechselte mit der Rechten zu seinem Sturmgewehr, während er mit der Linken seine zappelnde Gegnerin zwischen den verkeilten Bodengittern hielt. Diesmal konnte sie nicht ausweichen, er drückte ab und feuerte das ganze Magazin auf sie ab. Einige der Projektile wurden zwar von dem Gitter abgelenkt, die meisten trafen sie jedoch, durchlöcherten sie wie eine hilflose Puppe, die man für Schießübungen verwendete. Dann ließ er das Gewehr fallen, weil ihm das Nachladen mit nur einer Hand nicht mehr möglich war. Stattdessen verstärkte er noch weiter den Zug auf das Stahlseil, bis ein erstes lautes Knacken zu hören war. Es war der Rest des Kniegelenks, der nun zerbrach. Jetzt hatte er sie genau da, wo er sie haben wollte.
Yannys Systemsteuerung meldete sich permanent und bemühte sich um eine möglichst genaue Schadensanalyse. Schmerzen, überall. An ihrer schon einmal reparierten Hand fehlte der kleine Finger, er musste bei der letzten Salve abgeschossen worden sein. Sie wollte nicht daran denken wie es sich anfühlen musste, wenn ihr Körper nicht betäubt gewesen wäre. Dieses verdammte Seil, es musste weg von ihrem Knie. Oder besser gesagt weg von dem, was einmal ihr Knie gewesen war. Sie zog einen der beiden Colts mit dem großen Kaliber, steckte seinen Lauf durch eines der Gitterlöcher und zielte. Zielte auf ihr eigenes Knie, drückte ab. Noch mehr Schmerzen, aber es war geschafft. Die mächtige Kugel hatte das Stahlseil zertrennt, es riss ab und der Zug ließ augenblicklich nach. Blitze zuckten immer wieder vor ihrem Sichtfeld. Ihr Organismus näherte sich der Überlastung. Mit aller Kraft stemmte sie sich nach oben, um ihr Bein aus dem Spalt zu befreien, riss dabei ihr Gewebe an dem klemmenden Metall noch weiter auf. Sie musste jetzt tapfer sein, tapfer bleiben. Für die anderen, für die ganze Stadt, durfte nicht aufgeben. Als sie ihr Bein schon fast bis zum Knöchel wieder nach oben gezogen hatte, krachte es laut und die anderen Verbindungsstücke des Gitters auf dem sie stand rissen ab. Einen Augenblick später fiel diese Bodenplatte samt ihr nach unten, die ganzen zehn Meter. Während des Sturzes spielte ihr Gleichgewichtssinn verrückt und erzeugte eine Fehlfunktion was wiederum zur Folge hatte, dass sie keine Chance mehr hatte ihren Fall in irgendeiner Weise zu steuern. Sie traf mit den Füßen zuerst auf dem Boden auf, das zerstörte rechte Knie gab vollkommen nach und brach beim Aufprall ab. Vom Gelenk abwärts wurde der Rest nur noch vom menschlichen Gewebe gehalten und der Unterschenkel stand in einem grotesken Winkel ab, als sie in sich zusammensackte und mit dem Gesicht nach unten liegen blieb, während sich langsam eine Blutlache um ihren Körper bildete. Durch ihr Metallskelett war sie natürlich viel schwerer als ein Mensch, was ihr Gewebe an vielen Stellen zum reißen gebracht hatte. Wieder meldete sich ihre körpereigene Überwachung zu Wort. Systemsteuerung:
„Überlastung der zentralen Recheneinheit, dauerhafte Beschädigung des Chips steht bevor, Notabschaltung eingeleitet.“
„Halt!“, gab Yanny zurück. „Nein… keine Notabschaltung. Ich kann jetzt nicht schlafen, darf nicht schlafen, ich muss wach bleiben…“
„Bitte Eingabe wiederholen. Chance auf eine dauerhafte Beschädigung liegt bei 89 Prozent. Notabschaltung abbrechen ja/nein“
„Ja“ Es war eine einzige Eingabe die verhinderte, dass ihr Körper sich in den Standbyzustand verabschiedete. Ihr Kopf war bei dem Sturz ebenfalls beschädigt worden. Sie merkte wie der Generator in ihrer Brust immer wieder Fehlfunktionen hatte, extrem starke Energieentladungen durchzogen den Chip in ihrem Kopf. Ihr Körper zuckte unkontrolliert.
„Ich muss wach bleiben… tapfer sein…“, flüsterte sie und begann nach vorne über den Boden zu kriechen weil ihr ein Aufstehen nun nicht mehr möglich war, während die schweren Schritte von Lazarus hinter ihr immer lauter wurden.
Der Meteortrinker machte einen Satz nach vorne und schlug einen rechten Haken. Harry wich aus, drehte sich um die eigene Achse und nutzte den Schwung der Rotation um mit einem Fußtritt gegen den Kopf seines Gegners zu kontern. Der russische Kämpfer hatte sich zu sehr auf Harrys Schwert konzentriert und nicht mit einem Kick gerechnet, der ihn nun voll ins ungeschützte Gesicht traf. Er taumelte zurück, blockte aber den nächsten Tritt geistesgegenwärtig mit seinem linken Unterarm. Einen Moment später schon sauste Harrys Klinge heran und der Russe wich aus, einen Schritt zurück, dann noch einen Schritt. Harry setzte weiter nach und traf seinen Gegner am linken Oberarm, versetzte ihm damit eine klaffende Wunde. Der Treffer zeigte jedoch keine echte Wirkung, das aufgeschnittene Fleisch begann einen Moment später sofort wieder zusammen zu wachsen. Harry erhöhte die Geschwindigkeit seiner Attacken und trieb Tichon vor sich her, kam ein ums andere Mal zum Ziel und bedeckte den Oberkörper des Meteortrinkers mit Schnitten und Stichen, die alle kurze Zeit später bereits nicht mehr zu sehen waren. Blutspritzer an den Wänden, auf dem Boden, die Klinge seines Schwertes tropfte. Der Agent atmete schwer, seine schnellen Angriffe kosteten ihn Kraft. Der Verlauf dieses Kampfs ließ erste Zweifel in ihm laut werden. Nie zuvor hatte er gegen jemanden gekämpft, dessen Wunden sofort wieder verheilten. Er hatte natürlich keine Vorstellung davon, wie dies überhaupt möglich war. Drei Schüsse in die Brust hatten diesen Mann nicht töten können. War dieser Mann der Einzige seiner Art? Es musste etwas mit dem Kristall und seiner leuchtenden Flüssigkeit zu tun haben, aber die Vermutung lag nahe, dass er niemals eine Erklärung für diese >Magie< erhalten würde. Wie sollte er seinen Gegner auf Dauer aufhalten können, ihn, der auch nicht müde zu werden schien? Als der Russe merkte wie Harry langsam außer Atem geriet, grinste er breit und rückte dann seinerseits vor. Der Straßensamurai schlug sofort wieder mit seinem Schwert zu, doch diesmal war Tichon schneller, fing die Klinge mit seiner bloßen rechten Hand ab und hielt sie fest. Auch seine Körperkraft schien stetig zu wachsen. Er lachte laut auf als Harry am Schwertgriff riss und versuchte, die Waffe zu befreien. Es gelang ihm nicht. Tichon hielt die Klinge direkt vor seiner Brust. Harry wusste, dass er alles auf eine Karte setzen musste. Erneut riss er so fest am Griff wie er nur konnte und Tichon hielt dagegen. Als Harry den Gegenzug spürte, sprang er mit seinem ganzen Körper nach vorne und warf sich gegen den Knauf seiner Waffe. Es funktionierte, er nutzte den Gegenzug damit aus und die Klinge drang bis zum Griff in Tichons Brust ein und durchbohrte dessen Herz. Harry musste den Griff loslassen als sein Gegner röchelnd nach hinten taumelte. Blut quoll aus seinem Mund und er schnappte nach Luft, seine Knie wurden weich, er stolperte und schlug gegen die Wand, versuchte verzweifelt sich auf den Beinen zu halten. Harry brauchte den Moment um zu verschnaufen, ging ein paar Schritte zurück und lehnte sich gegen das Laufband. Der Fitnessraum glich inzwischen mehr einem Schlachthaus. Hatte es gereicht, das Herz seines Gegners zu durchbohren? Tichon sank auf die Knie und war schon im Begriff endgültig zusammenzubrechen als ihn etwas aufrecht hielt, wie eine fremde Kraft die von ihm Besitz ergriff. Mit Grauen erkannte Harry, wie die Augen des Russen langsam blau zu leuchten begannen. Tichons Rechte ging zum Griff des Kurzschwerts und zog es aus seiner Brust. Als er es vollständig herausgezogen hatte, betrachtete er die blutverschmierte Waffe einen Moment und ließ sie dann auf den Boden fallen. Schließlich richtete er sich wieder auf und fixierte Harry mit einem Blick, der nicht mehr von dieser Welt zu sein schien.
„Du kannst mich nicht besiegen“, sprach er langsam auf Amerikanisch, mit schwerem Akzent. Harry nickte nur, zog die beiden Schlagringe aus seinem Tauchergürtel und schob sie sich über die Fäuste. Ja, es mochte wohl stimmen, er würde diesen Mann nicht besiegen können. Also ging es jetzt nur noch darum seinen Kameraden genug Zeit zu verschaffen, damit sie diese Mission erfolgreich beenden konnten. Er hoffte Yuri und Abigail würden es danach schaffen können zu fliehen.
„Nichts weiß ich darüber andere zu überwinden. Ich weiß nur, wie ich mich selbst überwinden kann“, sagte Harry ruhig und schlug die Fäuste mit den Schlagringen zusammen. Dann marschierten die beiden aufeinander los.
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