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Elysium Roman 2 – Kapitel 2: Bis dass der Tod euch scheidet


Bis jetzt war es ein ruhiger Tag ohne Anrufe oder anderweitige besondere Vorkommnisse gewesen. Yanny saß auf ihrem neuen Platz an einem erst vor Kurzem angeschafften Schreibtisch in der Mitte des Wohnzimmers und tippte die Bestandsliste der vorhandenen Waffen und Munition in Abigails Computer. Theoretisch hätte sie auch ein Kabel benutzen können, um sich mithilfe der an ihrem Hinterkopf versteckten Buchse direkt mit dem Rechner zu verbinden und eine Übertragung der Daten durchzuführen. Allerdings machte ihr es viel mehr Spaß, diese Tätigkeit wie ein normaler Mensch mit einer Tastatur auszuführen. Es fühlte sich in diesem Moment richtiger und natürlicher an. Mit ihrer neuen linken Hand hob sie einen während des letzten Runs erbeuteten großen silbernen Colt hoch, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Sobald sie die Waffe in die Hand genommen hatte, aktivierte sich die Zielvorrichtung in ihren künstlichen Augen und ein Fadenkreuz erschien vor ihrem Sichtfeld. Sie schüttelt den Kopf, schloss die Augen und sagt etwas zu laut: „Nein, ich will nicht!“ Die Zielvorrichtung deaktivierte sich augenblicklich.
„Alles in Ordnung, Yanny?“ Harry, der gerade mit Yuri damit beschäftigt war, im ohnehin zu kleinen Schlafzimmer ein neues Regal für Ausrüstungsgegenstände aller Art aufzubauen, streckte besorgt den Kopf durch die Türe.
„Danke, alles in Ordnung”, antwortet sie leicht verlegen. Man konnte hören, wie im Schlafzimmer ein paar kleinere Metallteile zu Boden fielen. Yuri grunzte daraufhin etwas, das sich entfernt nach „du Brett halten verdammt, sonst scheiße“ anhörte. Einen Moment später wurde Harry von einem starken Arm ruckartig von der Türe weg und zurück zum Regal gerissen. Yanny legte den Kopf schief und überlegte kurz, wie sie das eben Gesehene einordnen sollte. Das Verhalten der beiden Männer war manchmal ein wenig schwierig zu deuten, aber sie würde irgendwann mit Sicherheit alle Feinheiten der menschlichen Verhaltensweisen verstehen lernen. Während sie so überlegte, öffnete sie die Trommel des Colts, zählte die übrigen Patronen und trug sie sorgfältig in ihre digitale Liste ein.

Die Wohnungstüre – oder sollte man besser sagen, die Türe des Hauptquartiers der TRAP-Agentur – öffnete sich und Abigail und Ralph schleppten zwei große Kisten mit Einkäufen herein. Aus Ralphs ausgebeulter Lederjacke blitzte das Silberpapier einer noch unberührten Schnapspralinenpackung. Schnaufend stellte er seine Kiste in die Ecke, grinste und verkündete: „Na dette haben wir doch ma juut hinjekricht. Alle Rabattmarken verballert, da gibt’s die nächsten Tage schön wat zwischen die Kiefer!“ Während Abigail ihre Kiste in die Küche trug, warf sich der alte Punk bereits auf die Couch und schaltete den Fernseher an. Mit dem Geld der letzten Aufträge hatten sie einen besseren Herd kaufen können und die Einrichtung war insgesamt aufgerüstet worden. Sogar für Betten und aufstellbare Trennwände zwischen ihnen hatte es gereicht. Die teuerste Anschaffung war allerdings Yannys Hand gewesen. Dr. Stein war es tatsächlich in Zusammenarbeit mit einem Maschinenbauer gelungen, eine zufriedenstellende Lösung zu bauen, die noch einigermaßen bezahlbar gewesen war. Die linke Hand war aus gehärteten Stahlteilen gearbeitet worden und wie geplant eine spiegelverkehrte Kopie ihrer rechten Hand. Sie war dadurch wesentlich schwächer, etwas weniger präzise und anfälliger für Beschädigungen als das Original aus dem Metall des Siedlerschiffes, aber sie war voll funktionsfähig. Um ihr Fleisch über die neue Hand wachsen zu lassen, war eine große Menge an Strom notwendig gewesen. Abigail konnte mit einigem Aufwand einen Anschluss für die Energiebuchse in Yannys Becken nachbauen. Um die eigenen Stromkosten so niedrig wie möglich zu halten, hatte sie außerdem unbemerkt die Leitungen ihres exzentrischen Nachbarn Bobo angezapft, was am Monatsende bei der Rechnungsüberstellung zu einem sehr lauten Schrei in der Nebenwohnung geführt hatte. Das Verbinden des Cyborgs mit dem Netz hatte zu einem zeitweisen Spannungsabfall im gesamten Haus geführt, aber es hatte immerhin funktioniert.

Ralph zappte etwas lustlos zwischen den TV-Programmen umher, bis er schließlich bei einer Crimescene-Sendung des Privatsenders ENC Elysium Network Channel landete. Aus dem Fernseher krächzte ein Bericht über einen Einbruch in einer der beiden Niederlassungen von Taiyō Electrics vor einem Monat. Interviewt wurde eine große blonde Dame in einem weißen Kittel.
„Kommt schnell, Frau Dinner ist im Fernsehen!“, rief Yanny den anderen zu. Harry und Abigail eilten sofort heran, während es im Schlafzimmer erneut klimperte und knackte, gefolgt von Yuris Fluchen.
„Ja, es war furchtbar, wenn ich es Ihnen sage! Sie haben mich brutal niedergeschlagen und vergewaltigt, denn ich bin aufgewacht und war völlig nackt! Meine Brüste waren entblößt, meine Kleidung zerfetzt! Sie hatten mich dann nach diesem Verbrechen in mein Büro eingesperrt und wollten mich verhungern lassen“, erklärte die Ingenieurin mit überaus dramatischen Gesten zu dem Interviewer und machte dazu einen äußerst unpassenden Schmollmund und Augenaufschlag in die Kamera, der ihre Aussage bereits im Ansatz konterkarierte. „Es war eine Horde furchtbarer Wüstlinge, unsere Wachen hatten nicht die geringste Chance! Sie fielen über uns her wie die wilden Tiere!“
„Das ist wirklich unglaublich, Frau Dinner. Sie müssen ja geradezu die Hölle erlebt haben! Wir werden gleich alle Details des Verlustes Ihrer Kleidung und Ihrer Schändung auf das Genaueste beleuchten“, erwiderte der Interviewer reißerisch. Seine Hand, mit der er ihr das Mikrofon ins Gesicht hielt, zitterte ein wenig vor Erregung. Er war sich bewusst, dass diese Geschichte eine passable Quote bringen würde. Er würde nur noch ein wenig die Spannungskurve des Gesprächs in der Hand behalten müssen, noch ein Cliffhanger vor der Werbepause. „Aber, ähm… kommen wir noch mal zu diesem gestohlenen Produktionsroboter, von dem Ihr Vorgesetzter uns bereits berichtet hat. War dieser Roboter denn eine Eigenentwicklung? Wissen Sie, wer die Gruppe geschickt haben könnte, die…“ Die Ingenieurin winkte jedoch sofort empört ab und verzog kurz die Mundwinkel.
„Also wenn ich es Ihnen doch sage, ihre gierigen Zungen waren überall auf mir! So hören Sie doch zu: es war grauenhaft, die reinsten Sexmonster! Und meinem Kollegen haben sie aus kurzer Distanz mit einem Jagdgewehr für Elefanten den Kopf weggeschossen und mich dann auf seiner blutigen Leiche geschändet!“, johlte Dinner dramatisch.
„Ja aber, äh… die Polizeiberichte sprechen doch von einer Enthauptung? Und sagten sie nicht vorher… äh… und was ist jetzt mit dem Roboter?“ Es war passiert, das Gespräch war ihm entglitten und schon kam der von der Sendeanstalt geplante Werbeblock:
„Kommen wir jetzt zu einer kurzen Werbeunterbrechung: Essen sie Riegel-Raider, den ersten Schokoriegel ohne echte Schoko! Stellen Sie keine Fragen nach den Zutaten – lassen Sie nur den Geschmack entscheiden! RIEEEHHIIIGEL-RAAAIDER!!! Mehr Schoko ohne Schoko geht nicht!“ Harry und Abigail sahen sich ein paar Momente schweigend an.
„Was zum Teufel, diese verrückte Henne…“, begann Abigail und zeigte auf den Fernseher, als plötzlich die Türglocke klingelte. Yanny stand auf, eilte zur Türe und öffnete sie einen Spalt.
„Bin ich hier richtig bei der Agentur TRAP?“, hörten sie eine Frauenstimme aus dem Hausflur und Ralph schaltete den Fernseher aus.
„Ja, hier sind Sie richtig, treten Sie bitte ein“, erwiderte Yanny freundlich und ließ eine sehr elegante Dame herein. Sie trug ein Business-Kostüm in grau und schwarz, ihre schulterlangen blonden Haare waren mit einer schwarzen Seidenschleife zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Erscheinung rundeten zwei große goldene Ohrringe in Dreiecksform und eine sehr teuer aussehende braune Lederhandtasche ab.
„Willkommen bei TRAP, der Agentur für besondere Fälle“, begrüßte Abigail sie offiziell. Die Dame sah sich zuerst etwas verwundert in dem Wohnzimmer um. Wahrscheinlich hatte sie etwas völlig anderes erwartet. Dann aber lächelte sie und nickte den Anwesenden zu.
„Das ist ja wirklich gewitzt von Ihnen, diese Bruchbude hier als Tarnung zu nehmen. Niemand würde darauf kommen, dass sich ernstzunehmende Agenten tatsächlich in einem solchen Loch verschanzen. Wie sieht’s aus, habe ich Ihr kleines Spiel durchschaut?“, sprach sie sichtlich gut gelaunt und klapperte dabei mit ihren langen künstlichen Fingernägeln auf der Handtasche herum.
„Na aber sicher doch! Nur noch ein paar Stunden in der stinkenden Butze hier und dann fahr ick endlich wieder zur Pediküre in mein Penthouse!“, blökte Ralph von der Couch herüber, warf sich geschickt eine Schnapspraline in den Mund und rülpste laut.
„Hach, wie erfrischend! Sie bleiben ja geradezu perfekt in Ihrer Rolle. Das ist genau was ich suche! Diese gewisse Professionalität habe ich bei Ihrer Anzeige im Branchenbuch schon vermutet“, erklärte die Frau enthusiastisch. „Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Carla Brandon. Vielleicht haben Sie ja schon von mir gehört…?“ In dem Moment kam Yuri aus dem Schlafzimmer, nur gekleidet in Muskelshirt und Trainingshose. In der Hand hielt er einen Hammer. Carlas Blick blieb sofort an seinem durchtrainierten Oberkörper hängen.
„Guten Tag“, grüßte Yuri mit tiefer Stimme und zuckte dabei aufreizend mit seinen ausgeprägten Brustmuskeln, während er den Hammer lässig zwischen seinen Fingern drehte.
„Also ich muss schon sagen…“, hauchte Carla.
„Haben Sie nicht vor einer Woche den Charity-Empfang zugunsten von Surferboys mit extremem Sonnenbrand am Nordstrand gegeben?“, fragte Yanny neugierig. Mittlerweile war sie es, die sich am besten mit dem Tagesgeschehen auskannte. Da sie nicht schlafen musste, hatte sie die ganze Nacht über Zeit um Bücher, Zeitungen und Magazine zu lesen oder alle Nachrichtensendungen und Talkrunden im Fernsehen mitzuverfolgen. Sie interessierte sich im Grunde für alles und verfügte über ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis. Dies hatte jedoch immer wieder zur Folge, dass sie Ohrwürmer von Werbejingles bekam und diese ab und an unvermittelt vor sich hin sang. „Ich hab den Bericht im Fernsehen gesehen. Ihr Mann war auch dabei…“
„Das ist richtig, Schätzchen“, nickte Carla Yanny zu. „Und genau um den Mistkerl geht es.“
„Dann setzen wir uns, beste zu reden. In meiner Heimat man sagt, Geschäfte im Stehen ist wie stinkender Biber auf Dach von neue Haus“, erklärte Yuri, zwinkerte Frau Brandon zu und machte eine einladende Geste in Richtung der Stühle, die um den kleinen Wohnzimmertisch standen.
„Äh… was?“, fragte Harry zuerst verwirrt gen Yuri, schüttelte aber dann nur den Kopf und bot Carla etwas zu trinken an, was diese jedoch dankend ablehnte und sich merklich auf die Unterlippe biss, als Yuri den Hammer auf dem kleinen Tisch ablegte und sich dabei tief bückte. Als sie alle inklusive Ralph Platz genommen hatten, begann Carla zu erzählen.
„Es ist so: mein Mann, Dennis Dexter ist… nun ja wie soll ich sagen… Er hat das Drogengeschäft in Elysium eigentlich so gut wie unter Kontrolle.“
„Importieren Sie nicht Zucker aus den östlichen Anbaugebieten?“, fragte Yanny leicht verwundert.
„Ja, auch“, bestätigte Carla. „Die Sache rentiert sich finanziell auch, ist aber rein dazu da um nach Außen hin einen gewissen Schein zu wahren. Mit dem Zucker werden gleichzeitig die Drogen geliefert und damit macht Dennis dann die richtig große Kohle. Er hat zu seinem Schutz eine kleine Privatarmee engagiert, dazu kommen viele Angestellte in der Zuckerfirma und dann noch die Hausangestellten. Den Verkauf der Drogen auf der Straße übernehmen allerdings die Bronko Boyz für ihn.“
„Das ist doch diese Rockergang, bei der die Mitglieder diese besondere Vorliebe für Lederklamotten und andere Herrn haben?“, merkte Harry fragend an.
„Genau die“, bestätigte Carla und schnippte wieder mit den Fingern. „Dennis hat den Deal mit den Boyz gemacht weil er der Meinung war, sie lassen sich bei der Arbeit durch nichts anderes ablenken. Anscheinend hatte er in dieser Hinsicht recht. Der Drogenabsatz läuft besser als je zuvor.“ Abigail kratzte sich am Hinterkopf, während sie über das Gesagte nachdachte.
„Sie leben also im Luxus, haben unzählige Angestellte und können sich so gut wie alles leisten was Sie möchten. Wie genau können wir Ihnen jetzt weiterhelfen?“, fragte sie.
„Ich habe vor Kurzem von einer sehr gut unterrichteten Quelle erfahren, dass Dennis meinen Bruder vor etwa fünf Jahren hat ermorden lassen, weil er ihm bei einem gewissen Geschäft im Weg stand, von dem ich nichts wusste. Der Informant hat mir hierfür eindeutige Beweise geliefert. Man hat es >wie einen Unfall aussehen lassen<. Und mit diesem Scheusal lebe ich nun jahrelang zusammen. Können Sie sich nur ansatzweise vorstellen, wie sich so etwas anfühlt, wenn man es erfährt?“, berichtete Carla immer noch lächelnd, aber ihre Stimme war nun so kalt als würde ein Frosthauch durch das kleine Zimmer wehen.
„Harter Scheiß!“, antwortete Abigail mit großen Augen. „Was haben Sie sich vorgestellt…?“
„Mein Mann soll sterben, das ist ja wohl klar. Aber nicht nur er, sondern auch sein persönlicher Leibwächter, der meinen Bruder damals ermordet hat. Ich weiß auch schon genau, wie es vonstatten gehen soll. Nächste Woche richtet Dennis die Finalrunden eines großen Kampfsportturniers auf unserer Yacht, der Sea Lord, aus. Alles was im Showbusiness und in der High Society Rang und Namen hat, wird bei diesem Spektakel dabei sein. Sein Leibwächter – er heißt übrigens Roy Hellfist – steht bereits im Halbfinale. Roy soll direkt im Ring vor allen Leuten im Finale daran glauben, um Dennis öffentlich zu demütigen. Wenn Sie den Auftrag annehmen, werde ich einen der Teilnehmer des anderen Halbfinales bestechen und einer von Ihnen wird dessen Platz für diesen Kampf einnehmen. Sie müssen dann nur das Halbfinale überstehen und Roy im Finale besiegen“, erläuterte Carla.
„Wie können Sie sich so sicher sein, dass dieser Roy sein Halbfinale gewinnen wird?“, fragte Harry nach.
„Ich habe seinen Gegner schon mal getroffen, er ist kein Hindernis für Roy“, winkte Carla ab. „Das ist aber nur der eine Teil des Auftrags. Dennis soll in der gleichen Nacht auf der Yacht sterben. Wie genau ist mir vollkommen gleichgültig. Allerdings müssen Sie ihm den linken Nippel abschneiden und diesen anschließend zu Bronko, dem Anführer der Bronko Boyz bringen und ihm sagen, dass das Geschäft mit Dennis Dexter beendet ist.“
„Woher Bronko wissen, dass es ist richtige Nippel?“, fragte Yuri nach. „Könnte auch falscher Nippel sein?“
„Nein, ganz unmöglich. Mein Mann trägt schon seit Ewigkeiten ein Nippelpiercing mit einem Rubin, der in Herzform geschliffen ist. Das weiß Bronko auch, er wird die Echtheit des Nippels sofort erkennen“, berichtete Carla ernst.
„Ihr reichen Säcke habt doch alle einen an der Klatsche, wah?“, merkte Ralph an und steckte sich eine weitere Praline in den Mund, während sich Yanny ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
„Was ist für uns drin, wenn wir einschlagen?“, fragte Harry schnell nach, um Ralphs Kommentar zu übergehen. Daraufhin nannte Carla eine Summe, die zu gut klang um nicht auf das Geschäft einzugehen. Es war in vielerlei Hinsicht ein großes Risiko und es würde gefährlich werden. Aber mit diesem Geld würden sie für eine ganze Weile keiner Rabattmarke in den Supermarktwerbungen mehr hinterher jagen müssen. Man wurde handelseinig.


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