Elysium Roman 3 – Kapitel 3: Bestandsaufnahme
May 5, 2023
Ganze zwei prall gefüllte Umzugskartons voller Akten wurden von einem Mitarbeiter der Mordkommission in das TRAP-Hauptquartier getragen. Abigail, die bereits mit einer Flasche Desinfektionsspray für die Ordner bereit stand, kaute leicht geschockt auf ihrer Unterlippe herum. Das war ein verdammt großer Papierberg, der sich in verhältnismäßig kurzer Zeit zu den Vorfällen im Untergrund angesammelt hatte. Viel mehr als sie erwartet hatte. Sie würde mindestens eine Woche oder länger brauchen, um alle Informationen zu verarbeiten. Hilfesuchend sah sie sich zu den anderen um, als der Kriminalpolizist wieder gegangen war. Yanny schien ihre Gedanken erraten zu haben und lächelte sie an. Natürlich, warum war ihr das nicht gleich eingefallen? Der Cyborg konnte die Informationen einer Seite innerhalb von ein paar Sekunden perfekt verarbeiten.
„Du würdest mir beim Lesen helfen?“, fragte Abigail etwas kleinlaut gen Yanny.
„Klar!“, bestätigte diese strahlend und machte sich gleich daran, einen der beiden Kartons zu öffnen. Sie freute sich immer, wenn sie etwas Nützliches für wichtige Aufträge erledigen konnte. „Ich fange gleich damit an, ja?“ Dann zog sie einen Ordner heraus, setzte sich damit an den Schreibtisch und begann zu Lesen. Mit der Geschwindigkeit mit der sie sich durch die Akten blätterte, sah sie so entspannt aus als würde sie einen Supermarktprospekt nach einem bestimmten Sonderangebot durchsuchen. Abigail beobachtete Yanny etwas bei dieser Tätigkeit und kratzte sich aus Verlegenheit am Dekolletee. Wenn sie sich jetzt daneben setzte und ebenfalls zu Lesen begann, war das in mehrfacher Hinsicht deprimierend. Sie würde nicht nur um ein Vielfaches langsamer vorankommen, sondern sich auch noch nebenher Notizen machen müssen um die wichtigsten Informationen behalten und filtern zu können. Mit einem Mal fühlte sie sich ziemlich unnütz.
„Ähm… soll ich dir vielleicht einen Tee machen? Oder magst du Limonade?“, fragte sie Yanny unsicher und kratzte mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte. Der Cyborg sah kurz auf und strahlte sie an.
„Eine Limonade bitte“, erwiderte sie und schon waren ihre Augen wieder in den Ordner gerichtet.
„Okay… kommt sofort“, nickte Abigail und ging in die Küche. Als sie mit einer geöffneten Flasche Orangenlimonade zurückkehrte, zog sich Yanny bereits den nächsten Ordner aus der Kiste. „Du bist schon mit dem ersten fertig?“, fragte Abigail beeindruckt und räusperte sich.
„Ja“, erwiderte Yanny und kicherte. „Ist es in Ordnung wenn ich dir erst eine Zusammenfassung gebe, wenn ich alle Dokumente durchgelesen habe?“, fragte sie und fixierte dabei sehnsüchtig die Limonadenflasche in Abigails Hand.
„Das ist echt super, vielen Dank“, sagte diese und hielt ihr die Flasche hin. Yanny nahm sie dankbar entgegen, setzte sie an die Lippen und trank einen Schluck. Dann schmeckte sie mit einem nachdenklich Gesichtsausdruck nach.
„Sehr gut, so schön süß!“, fiel ihr Urteil aus. „Mineralwasser, Zucker, Carotin, Antioxidationsmittel, Orangensaftkonzentrat, Zitronensäule, Kohlensäure…“, begann sie aufzuzählen, während sie immer wieder einen kleinen Schluck von dem Getränk nahm und dabei schmatzte. Abigail sah sie überrascht an.
„Du kannst das alles rausschmecken? Oder hast du das auf dem Etikett gelesen?“, fragte sie.
„Ich kann es schmecken“, nickte Yanny und sah dann auf das Etikett. „Die Mengenangaben hier drauf stimmen nicht, da ist viel mehr Zucker und Süßungsmittel drin als angegeben“, erklärte sie und tippte auf die Flasche.
„Wusste nicht, dass du sowas kannst“, sagte Abigail immer noch erstaunt. „Wie ein Chemielabor auf zwei Beinen.“
„Klar. Wenn du mal krank bist, musst du mich nur ordentlich mit Zunge küssen, wie in dieser einen Parfümwerbung. Dann kann ich deinen Speichel ziemlich genau auf Keime untersuchen“, gab Yanny begeistert kund, die schon wieder froh war, dass sie sich auch in so einem Fall würde nützlich machen können. Abigail hingegen stieg das Blut in die Wangen und sie konnte nicht verhindern, dass sie aufgrund von Yannys Angebot rot wurde.
„Ähm… ich… äh… werde darauf zurückkommen…“, sprach sie, drehte sich um und stapfte schnell zurück in die Küche. Manchmal berührte der Cyborg mit seiner unbedarften Art Punkte, mit denen man nicht rechnen konnte. Abigail hatte erneut den Kuss von Viktor Konakow auf der Sea Lord vor Augen, dessen Visitenkarte durch das Meerwasser beim Zurückschwimmen an den Stand zerstört worden war. Wie es ihm wohl jetzt gehen mochte? Was er jetzt wohl machte? Ob er sich noch in der Stadt befand oder schon weitergezogen war? Er dachte ganz sicher, sie würde sich aus Desinteresse nicht mehr bei ihm melden und nicht, weil sie seine Telefonnummer durch diesen unglücklichen Umstand aus Unachtsamkeit zerstört hatte. Sie seufzte tief und zog eine Schachtel mit Keksen aus dem Küchenschrank. Sie musste sich zusammenreißen und Viktor ein für allemal vergessen. Diese Kekse würden ihr dabei helfen. Yanny, die mittlerweile mit dem zweiten Ordner im Wohnzimmer fertig geworden war und schon den dritten aus dem Karton fischte, schaute kurz in Richtung Küche, aus der plötzlich laute Mampfgeräusche an ihre Ohren drangen. Zum Glück musste sie nicht essen um zu überleben, dachte sie bei sich. Es musste furchtbar sein, auf einen Schlag einen solchen Hunger zu bekommen. Dann öffnete sie den nächsten Ordner und scannte weiter, Seite für Seite.
Am Abend saßen die TRAP-Agenten zusammen im Wohnzimmer und waren gespannt auf Yannys Zusammenfassung der Ermittlungsakten.
„Der Großteil des zusammengetragenen Materials gibt uns keine wirklich neuen Erkenntnisse. Es wird nur das bestätigt, was uns Herr Morgan bereits mitgeteilt hat“, leitete sie ihren Bericht ein. „Allerdings bin ich auf zwei Sachen gestoßen, bei denen wir unbedingt ansetzen sollten.“ Yuri, der ein großes Messer in der Hand hielt und die Klinge langsam mit einem Schleifstein bearbeitete, brummte ohne den Blick von der Waffe zu nehmen.
„Sehr gut, jetzt spannend wird“, murmelte er. Yanny rollte eine Karte des U-Bahn-Netzes der Verkehrsgesellschaft von Elysium auf dem Tisch aus, auf der sie einige Notizen eingetragen hatte.
„Das sind die Orte, an denen die Überfälle stattgefunden haben“, erklärte sie und deutete auf ihre handschriftlichen Eintragungen. „Grundsätzlich ist nahezu die ganze Stadt betroffen, eine Häufung ist jedoch auffällig an den Stationen Knoten 3, Knoten 6, Chicken Road und Heavy Steamer“, führte sie weiter aus.
„Also eindeutig im Süden der Stadt, die vier Stationen liegen allesamt im Industrieviertel und alle auf Linie Grün. Nur Knoten 3 wird noch von Linie Blau gekreuzt, die den Westen mit dem Osten verbindet“, überlegte Harry, der sich nun neben Yanny gestellt hatte um den Netzplan besser lesen zu können.
„Und dat is den Bullen nich’ aufjefallen?“, fragte Ralph und ließ seine Hand in einer Chipstüte verschwinden, die er zuvor umständlich geöffnet hatte.
„Morgan hat angedeutet, dass die Mordkommission zur Zeit komplett überlastet ist. Wahrscheinlich hatten sie niemanden, der sich richtig um die Datenauswertung kümmern konnte“, merkte Abigail an und linste streng auf Ralph. Nach dem Essen konnte man meistens sehr genau anhand der Krümel sagen, wo genau der alte Haudegen gesessen hatte. Immerhin hatte sie ihm schon beigebracht, nicht mit offenem Mund zu kauen. Kleine Fortschritte, die das Zusammenleben erleichterten.
„Das würde auch sehr gut zu der zweiten auffälligen Sache passen“, fuhr Yanny fort und öffnete dabei einen der Order. Sie entnahm eine bestimmte Akte, die eine Klarsichthülle mit mehreren Fotografien enthielt. Diese verteilte sie auf dem bereits ausgerollten U-Bahn-Netzplan und drehte diesen dann zu ihren Kameraden, sodass sie die Fotos besser sehen konnten. „Was zum Teufel…“, sagte Yuri und zog die Augenbrauen hoch, als er einen Blick auf die Bilder geworfen hatte.
„Ist das einer von… >denen<?“, fragte Abigail mit leiser Stimme. Sie versuchte das Gesehene einzuordnen und plötzlich wurde ihr bewusst, dass der Weg zu der in Aussicht gestellten Villa mehr als beschwerlich werden würde.
„Die Überfalle kamen jedesmal blitzschnell und überraschend, sodass diese Crawler kaum mit Gegenwehr konfrontiert waren. Außerdem scheinen sie ein gewisses Maß an Intelligenz zu besitzen, denn sie umgehen wohl die Auseinandersetzung mit Sicherheitskräften solange es sich verhindern lässt. Vor etwa zwei Wochen waren allerdings zwei Undercoverpolizisten bei einer Gruppe von Passagieren dabei, die überfallen wurden. Es gelang ihnen zwar einen der Crawler zu erschießen, sie überlebten aber dennoch nicht. Die Spurensicherung brachte den toten Crawler in eine Polizeistation, von der aus er zur Obduktion in die Pathologie hätte überstellt werden sollen. Dabei sind diese Fotos entstanden“, berichtete Yanny.
„Sieht eigentlich aus wie ein kleinerer dünner Mensch, aber die Augen sind etwas größer… keine Pupillen… und dann diese Haut…“, murmelte Abigail.
„Sieht aus, als hätte gelegen zwei Wochen auf Solariumbank“, vervollständigte Yuri ihren Gedanken. Es stimmte: die Haut war kohlrabenschwarz und wenn man sich die Bilder genauer ansah konnte man erkennen, dass sie teilweise mit Blasen übersät war, wie bei schweren Verbrennungen. Yanny zog noch zwei weitere Fotos aus der Klarsichthülle und legte sie über die anderen.
„Seht euch mal die hier an, das hier ist sein Rücken“, kommentierte sie. Ralph nahm sich eines der Bilder, hielt es sich direkt vor die Nase und kniff die Augen zusammen.
„Ick glaube ick weeß wat du meenst“, sagte er zögerlich.
„Was?“, fragte Abigail ungeduldig und griff nach dem zweiten Bild.
„Hatte nen guten Tätowierer, der Typ“, gab Ralph schließlich kund und schnippte das Foto zurück auf den Tisch. Auch Harry und Yuri besahen sich das Bild nun näher. Tatsächlich war trotz der schwarzen Haut eine Vielzahl an Schriftzeichen auf dem Rücken sichtbar. Es schien sich hierbei jedoch nicht um eine gewöhnliche Form des Tätowierens zu handeln, die rein Bilder auf der Haut hinterließ. Jegliche Farbe wäre bei dieser Schwärze ohnehin nicht mehr sichtbar gewesen. Die Schriftzeichen traten auf der Haut als Wölbungen hervor, waren eher kontrolliert eingeritzte Vernarbungen.
„Was bedeuten die Zeichen?“, fragte Harry, der das Foto immer wieder in alle Richtungen drehte und versuchte, irgendetwas entziffern zu können.
„Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht dekodieren, nicht verstehen. Die Abfolge der Zeichen ist definitiv nicht zufällig gewählt, es handelt sich um einen Text in einer unbekannten Sprache. Die Ermittler wussten auch nichts damit anzufangen, wie ich der Akte entnehmen konnte. Habe mittlerweile auch Russisch gelernt und die Zeichen mit allen möglichen bisher bekannt gewordenen Codes von Geheimdiensten verglichen, kein Ergebnis“, meinte Yanny. Abigail sah sie überrascht an. Sie wusste, dass der Cyborg über eine enorme Rechenleistung verfügte. Wenn sie keine Lösung fand, machte das die Sache noch unheimlicher und mysteriöser, als sie ohnehin schon war.
„Was hat denn die Obduktion dieser Leiche ergeben?“, fragte Harry dann nachdenklich.
„Das ist das nächste große Rätsel in diesem Fall: es hat nie eine Obduktion gegeben“, entgegnete Yanny.
„Wie? Warum nicht?“, platzte es aus Harry heraus und auch die anderen sahen sie nun verwundert an.
„Die Leiche des Crawlers ist schon am nächsten Tag aus der Polizeistation verschwunden, ohne jegliche Spur zu hinterlassen“, nickte sie.
„Ist er wieder aufjestanden und davonjerannt? Ist ja verständlich. Ick würde dasselbe machen wenn man versucht, mich in ‘ner Polizeistation festzuhalten“, bemerkte Ralph mit einem leicht hämischen Unterton.
„Vielleicht gegangen holen Zigaretten“, fügte Yuri grinsend an und legte das Messer und den Schleifstein nun vor sich auf den Tisch. Abigail verzog hingegen das Gesicht und man merkte ihr nun deutlich an, wie sehr sie sich gruselte.
„Wo fangen wir jetzt am besten an?“, fragte Harry in die Runde und rieb sich vorsichtig den noch immer schmerzenden Kiefer. „Wir haben das Areal mit den gehäuften Überfällen, den verschwundenen Crawler und das Foto einer Schrift, die wir nicht lesen können.“
„Die verschwundene Leiche ist hochgradig suspekt, aber wir halten uns aus dieser Geschichte raus. Wir wurden auch nicht dafür engagiert, Ermittlungen in einer Polizeistation durchzuführen. Am Ende bringt uns das womöglich nur einen Haufen zusätzlichen Ärger ein“, überlegte Abigail, worauf Ralph zustimmend nickte und einen Daumen nach oben zeigte, sich dann eine weitere Handvoll Chips in den Mund stopfte.
„Wir könnten es mit dem Foto der Schrift in der Universität versuchen“, schlug Yanny vor. „Vielleicht gibt es ja dort jemanden, der diese Zeichen schon einmal gesehen hat und der uns weiterhelfen kann?“
„Gute Idee!“, sagte Harry und lächelte Yanny an. „Wir sollten uns aber aufteilen, sonst verlieren wir die kostbare Zeit wieder, die wir durch deine wunderbare Hilfe beim Sichten der ganzen Akten gewonnen haben.“ Yanny strahlte auf seine Bemerkung hin und Yuri sah mit zu Schlitzen verengten Augen zwischen den beiden hin und her.
„Gut und wie machen wir das?“, fragte er. Harry überlegte einen Moment und erklärte dann seine Idee.
„Du, Abigail und ich, wir begeben uns morgen in den Untergrund. Die nächste U-Bahn-Station hier in der Nähe ist Knoten 2, der liegt auch schon auf Linie Grün. Von dort aus fahren wir über das Zentrum in Richtung Süden und sehen uns einfach die infrage kommenden Stationen eine nach der anderen an. Ralph bringt Yanny direkt mit dem Agenturwagen zur Universität. Wenn die Leute uns wirklich weiterhelfen können, kann sie die neuen Informationen ohnehin am besten von uns allen verarbeiten. Sie ruft uns dann einfach auf dem Mobiltelefon an und teilt uns die Ergebnisse mit, während wir die Tatorte checken.“
„Das guter Plan ist“, nickte Yuri anerkennend. „Oder wie man auch sagt in meiner Heimat: Der Bauer brütet Eier traurig selbst, wenn nur Hähne auf Hof.“
„Jetzt fängt er schon wieder mit diesen Sprüchen an!“, seufzte Abigail.
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