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Elysium Roman 3 – Kapitel 8: Anton


Der Weg zur fahruntüchtigen U-Bahn und zurück zur großen Stahltüre hatte nicht so lange gedauert, wie sie eigentlich erwartet hatten. Der Schaffner war sichtlich erleichtert gewesen die drei überhaupt noch einmal lebend wiederzusehen und umso erstaunter war er über ihre Erklärung, nicht bis zur nächsten Station weiterfahren, sondern in den Tunneln bleiben zu wollen. Die Reparatur selbst war tatsächlich nicht mehr als ein kurzer Austausch der Sicherungsröhre gewesen und schon nach ein paar Minuten war die Bahn wieder bereit zur Abfahrt, was bei den Fahrgästen, von denen einige die Aktion aufmerksam mitverfolgt hatten, Jubel auslöste. Der Schaffner hatte den dreien außerdem einen kleinen Erste-Hilfe-Kasten überlassen, mit dessen Utensilien Harrys zerkratztes Gesicht und Yuris Oberschenkel desinfiziert werden konnten.
Zurück bei der Türe war immer noch alles ruhig bis auf das monotone Summen der Scheinwerfer, die das kleine Schlachtfeld gut beleuchteten. Die Körper der Wachleute waren nirgends mehr zu sehen, stattdessen zogen sich blutige Schleifspuren über den Boden in entgegengesetzte Richtung des Tunnels.
„Jungs…“, begann Abigail ihren Satz und deutete auf die Blutspuren. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
„Einfach nicht drüber nachdenken“, unterbrach sie Harry lächelnd und versuchte, so beruhigend wie möglich zu klingen. „Das hat auch sein Gutes. Wenn sie jetzt für eine Weile satt sind, lassen sie uns wenigstens in Ruhe.“ Sie atmete tief durch und nickte nur. Wortlos näherten sie sich dem kleinen Metallkasten mit dem Schlitz und den beiden schwachen Lichtern. Keine Aufschrift, keine Symbole, nichts. Abigail zückte die rote Chipkarte aus ihrer Hosentasche, die sie vorhin von Yuri erhalten hatte und warf den anderen einen kurzen Blick zu.
„Von mir aus kann es losgehen“, nickte Harry ihr aufmunternd zu und zog langsam sein Schwert. Hinter dieser Türe konnte alles Mögliche auf sie lauern und es war besser, er hatte seine Waffe bereits im Anschlag. Auch Yuri umklammerte den Griff der erbeuteten Maschinenpistole und machte ein finsteres Gesicht. Sein ausgestreckter Zeigefinger ruhte direkt neben dem Abzug. Abigail steckte die Chipkarte in den Schlitz und die Stahltüre schwang überraschend schnell nach Innen auf. Nach kurzem Umsehen ließen Harry und Yuri ihre Waffen sinken. In dem großen Raum der vor ihnen lag, befand sich niemand. Yuri zog eine Augenbraue hoch und überlegte.
„Ist das hier Eingang zu einem Schwimmbad?“, überlegte er laut. Harry gab ihm recht, es sah tatsächlich so aus. Der Boden war aus glattem grauen Beton gearbeitet und die Wände durchgehend weiß gefliest. Allerdings befanden sich auch allerlei technische Geräte in ihm, ein ausladend großer und steril aussehender weißer Schreibtisch und mehrere Schränke, hinter deren Glastüren man gelbe Ganzkörper-Schutzanzüge entdecken konnte. Außerdem standen mehrere sehr breite Holzkisten in einer der Ecken. Auch ein paar Stühle und ein kleiner Tisch waren zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Türe befand sich eine Doppelflügeltüre, die ganz offensichtlich mit einem Kippschalter an der Wand geöffnet werden konnte. Über der Doppelflügeltüre stand in großen Lettern >Dekontaminationskammer< geschrieben. Die TRAP-Agenten betraten den Raum vorsichtig, um sich nun genauer umzusehen.
„Also schön langsam glaube ich wirklich, das waren überhaupt keine Elektriker da draußen…“, sagte Harry und fuhr herum, als es plötzlich aus einer der Holzkisten zu bellen begann. Yuri stutzte und näherte sich der Ecke mit erhobener Waffe, machte aber dann ein verwundertes Gesicht, als er die Geräuschquelle erkannte. Die Holzkisten waren auf der dem Eingang abgewandten Seite vergittert, was sie beim Hereinkommen nicht hatten sehen können. Es handelte sich tatsächlich um ein paar Zwinger, die alle bis auf einen leer waren. In einem von ihnen befand sich ein braun-weiß gefleckter Jagdhund, der offensichtlich durch die Stimmen aufgeweckt worden war. Als er Yuri sah, hörte er sofort zu bellen auf und wedelte mit dem Schwanz, steckte seine Schnauze so weit es ihm möglich war durch die Gitterstäbe nach draußen und winselte. In dem Zwinger befand sich nur eine zerwühlte, nasse und nach Urin stinkende Decke und ein umgeworfener leerer Napf. Anscheinend wartete dieser Hund schon länger hier auf seine Freilassung. Yuri sah sich kurz um, denn der Zwinger war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Die anderen beiden kamen ebenfalls hinzu.
„Wir müssen befreien Hund“, stellte Yuri ohne Umschweife fest. Er zögerte, das Schloss einfach so aufzuschießen und den Hund womöglich komplett zu verschrecken.
„Oooh, der arme Hundi!“, wisperte Abigail voller Mitleid und kniete sich hinunter zu ihm, traute sich jedoch dann zuerst nicht die schnüffelnde Schnauze zu streicheln, obwohl der Hund noch kläglicher zu winseln begann. Harry war bereits dabei den Schreibtisch zu untersuchen und wurde tatsächlich fündig. In einem der Schubladen lag ein kleiner Schlüsselbund, den er Yuri zuwarf. Der wiederum probierte sofort einen nach dem anderen am Vorhängeschloss durch und der dritte passte, das Schloss schnappte auf. Der Hund wedelte noch stärker mit dem Schwanz und flutschte aus dem Käfig, umkreiste sogleich Yuris und Abigails Beine und leckte begeistert deren Hände ab. Yuris Gesichtszüge wurden ungewohnt weich, als er sich zu dem Hund hinunterbeugte und ihn streichelte.
„Ist bei dem Schreibtisch vielleicht auch etwas Futter?“, flötete Abigail hinüber zu Harry, während sie die Ohren des Jagdhundes knuddelte. Seltsamerweise schien sie ihren Reinlichkeitszwang plötzlich vergessen zu haben.
„Einen Moment noch, vielleicht finde ich ja etwas Hundefutter hier zwischen den Strahlenschutzanzügen“, rief Harry zurück. Er hatte sich mittlerweile an die anderen Schränke gemacht und öffnete einen nach dem anderen, um deren Inhalt zu untersuchen.
„Strahlenschutzanzüge?“, fragte Yuri zurück.
„Ja, schon sonderbar, nicht wahr?“, sagte Harry und zog einen der Anzüge aus den Schränken. Auf deren Rücken war das gleiche Hochspannungssymbol aufgemalt wie auf den Overalls der Wachen, die vor der Türe gestanden hatten. Außerdem befand sich direkt daneben das Symbol für Radioaktivität. In einem der unteren Schrankfächer fand er tatsächlich einige Dosen Hundefutter und einige Flaschen mit Wasser. Kurze Zeit später fraß der Jagdhund schon begeistert vom Boden und trank nacheinander viermal die Schüssel aus dem Zwinger leer, die ihm Yuri immer wieder mit Wasser voll füllte.
„Ich ihn nennen Anton“, verkündete Yuri zufrieden, als er eine weitere Dose öffnete und dessen Inhalt für den Hund auf den Boden leerte. Der Hund schien zu verstehen, sah Yuri an, bellte einmal und wedelte begeistert mit dem Schwanz, um sich dann sogleich über die nächste Portion herzumachen.
„Ihr… ihr wollt den Hund mitnehmen?“, fragte Harry und kratzte sich skeptisch am Hinterkopf.
„Wir können Hundi-Anton doch nicht zurücklassen! Schau wie lieb er ist“, flötete Abigail erneut und streichelte ihn, während das ausgehungerte Tier sich dankbar satt fraß und seine schlackernden Lefzen über den Betonboden manövrierte.
„Ja gut, okay“, stellte Harry widerspruchslos fest. Er bezweifelte zwar, dass es so eine gute Idee war einen ihnen völlig unbekannten Hund hier in den U-Bahn-Tunneln mitzunehmen, aber er wäre jetzt ohnehin überstimmt worden. Während die anderen beiden immer noch mit dem neuen Teammitglied beschäftigt waren, betätigte er schließlich den Schalter der Dekontaminationskammer und die Doppelflügeltüre schwang langsam nach innen auf. Es war ein kleiner viereckiger Raum, der auf der Innenseite einige Spritzdüsen an den Wänden verbaut hatte. Im Boden war ein Gitterabfluss eingelassen. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine weitere Doppelflügeltüre, die mit einem Schalter von innen geöffnet werden konnte. Diese weiterführende Türe bestand zum Großteil aus dickem Panzerglas und gab die Sicht auf einen erhellten Gang frei. Harry hielt inne und starrte in den Gang.
„Leute… schaut euch das hier mal an“, rief er seine Kameraden zu sich. Yuri und Abigail kamen ebenfalls in die Kammer, dicht gefolgt von Anton. Die junge Frau hielt den Atem an als sie sah, was sich hinter der Panzerglastüre befand. In dem mit weißem Licht erhellten, sauber gefrästen Gang lagen mehrere tote Crawler und Männer, die aufgerissene Schutzanzüge trugen. Die Tunnelwände waren in Türnähe mit Blutspritzern und Einschusslöchern übersät. Ganz offensichtlich hatten auch dort Kämpfe stattgefunden.
„Also gut, sag’ es schon“, flüsterte Abigail zu Harry und kräuselte die Lippen.
„Was denn? Dass wir da rein müssen, wenn wir wissen wollen was hier eigentlich vor sich geht?“, antwortete Harry trocken.
„Ja“, nickte Abigail.
„Leute, wir müssen da reingehen wenn wir wissen wollen was hier eigentlich vor sich geht“, seufzte Harry und befühlte seine Rippen vorsichtig. Das Mittel wirkte endlich, die Schmerzen hatten zu einem guten Teil nachgelassen. „Warum muss ich das eigentlich sagen?“
„Weil sie nicht schuld sein will, wenn wir später werden gespeist von Höllenbrut“, grinste Yuri und stapfte in Richtung der Schränke. „Hoffentlich Anzug in meiner Größe gibt…“

Die Reihe wird fortgesetzt mit dem Titel:
Hochspannung


Categorized as: Roman 3 (DE) | Romankapitel (DE)

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