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Elysium Roman 4 – Kapitel 1: Familie


Die Seele hat die Farbe deiner Gedanken.

Marcus Aurelius

Irina ließ die Hand mit der Tasse voll dampfendem Tee sinken und sah durch die von Eisblumen dicht bewachsene Fensterscheibe, während der alte Emaille-Topf mit der Rübensuppe vor ihr auf dem abgenutzten Gasherd köchelte. Die hagere Frau mit den gütigen Gesichtszügen kniff die Augen zusammen in der leisen Hoffnung, dort draußen in der Abenddämmerung vielleicht doch noch etwas erkennen zu können. Vergebens jedoch. Nichts schien sich zu regen auf dem weiten flachen Land, das still dalag unter seiner dicken weißen Decke aus Schnee. Nichts war zu hören als der leise Wind, der sich sanft an die Äste und Wipfel der vereinzelten Bäume schmiegte. Nichts, das ihr Herz beruhigen würde. Es war diese Art von Stille und Einsamkeit, die die Menschen hier draußen in der Peripherie der Nordstädte so oft fürchteten. Es war die Zeit zwischen den Zeiten, in denen die Wintersonne verschwand und die Ebene dem Ungewissen preisgab. Fern von den Lichtern der Metropolen und den Annehmlichkeiten der Zivilisation war man sich an einem Ort wie diesem noch bewusst, was die Nacht wirklich bedeuten konnte.
„Wo bleibst du nur, mein Junge? Wo bist du nur…?“, flüsterte sie leise in ihrem altertümlich wirkenden russischen Dialekt und in ihrer Stimme schwang all die Sorge um den letzten Menschen in dieser Welt mit, der ihr wirklich etwas bedeutete. Ihr Neffe war nun schon den zweiten Tag überfällig. Was sollte sie nur tun, wenn ihm etwas passiert war? Was sollte sie tun, wenn er nicht mehr zurückkam? Normalerweise hielt er sich immer an die abgemachten Zeiten, wenn er hinauszog zur Jagd. Funkgeräte mit großer Reichweite konnte sich niemand hier in der Gegend leisten, ein altes vergilbtes Wählscheibentelefon war die einzige Kommunikationsmöglichkeit in diesem ärmlichen Haus und mit sehr viel Glück funktionierte es manchmal… in seltenen Fällen.
„Bitte allmächtiger Gott, du hast mir schon so viel genommen, nimm mir nicht auch noch meinen lieben Jungen…“, flüsterte sie wieder und schluckte. Ihre Gedanken begannen mit der steigenden Sorge immer weitere Kreise zu ziehen. Es waren viele Unglücksschläge gewesen in den letzten Jahren, mit denen ihre Familie kleiner und kleiner geworden war. Sie würde den Tag vor 20 Jahren nie vergessen, an dem ihr aller Schicksal begonnen hatte, eine seltsame und tragische Wendung zu nehmen. Der Tag an dem Sergej, ihr lieber kleiner Junge, der jüngere der beiden Söhne ihrer Schwester, als Fünfjähriger davongelaufen war. Es war Winter gewesen, so wie jetzt. Er war plötzlich verschwunden gewesen und die wenigen Spuren, die sie von ihm finden konnten zeigten, dass er wohl in den nahegelegenen Wald gegangen war um zu spielen. Vielleicht war er auch einfach nur einem Tier nachgelaufen. Sie waren gerannt, hatten tagelang die ganze Gegend abgesucht, hatten seinen Namen geschrien bis ihre Stimmen versagten und ihn doch nicht mehr finden können. Die Winter hier draußen waren in der Nacht so unfassbar kalt, dass ihre Hoffnung ihn je lebend wiederzusehen schnell schwand und einer beißenden Verzweiflung mit Selbstvorwürfen wich. Ihre Schwester und ihr Mann waren am Boden zerstört gewesen, ebenso wie sie selbst natürlich, die bei der Suche nicht hatte helfen können, da sie sich um Artjom, den älteren der beiden Brüder hatte kümmern müssen, während die Eltern jeden Stein nach ihrem jüngsten Sohn umdrehten.

Nach über einer Woche geschah dann das Wunder, mit dem niemand hatte rechnen können. Mitten in der Nacht, als sie noch wach gewesen waren und wortlos in das Feuer des Holzofens gestarrt hatten, unfähig vor Trauer miteinander zu sprechen, da war es geschehen. Es hatte an der Türe geklopft, dreimal, langsam und bestimmt. Das Geräusch hatte sie erschreckt und zusammenzucken lassen, denn wer erwartete in einer eisigen Winternacht hier draußen schon, dass plötzlich jemand Einlass begehrte? Ihr Schwager war aufgestanden und hatte das Holzbeil an sich genommen, bevor er dann ging und vorsichtig die Türe öffnete. Ihm war unter diesen Umständen wohler gewesen mit einer Waffe in der Hand, seinem vertrauten Beil, das ihm schon so viele gute Dienste geleistet hatte. Jedoch war er natürlich nicht vorbereitet gewesen auf den Anblick, der sich ihm bot. Etwa zehn Personen standen vor seinem Haus. Auf den ersten Blick sahen sie aus wie Menschen, jedoch waren sie alle ein ganzes Stück kleiner und zierlicher in der Gestalt. Ihre Kleidung sah fremdartig aus, fein gearbeitet aus dünnen weißen Stoffen, die sie jedoch hier draußen vollkommen warm zu halten schienen. Manche von ihnen, Männer und Frauen deren Gesichtszüge mit einer ungewöhnlich hellen Haut nobel und ebenmäßig erschienen, hielten lange Wanderstäbe in den Händen, an deren Enden faustgroße Perlen eingeschmiedet waren, die ein tiefblau schimmerndes Licht von sich gaben. Ihre Augen waren etwas größer als die eines Menschen und manche von ihnen hatten Augen, die in einem schwachen orangenem Licht erstrahlten, andere wiederum hatten blaue. Inmitten dieser Gruppe stand sein kleiner Sohn, eingewickelt in eine weiße Decke. Als der kleine Sergej seinen Vater erblickte, kam er sofort auf ihn zugelaufen. Der wiederum ließ das Beil fallen und rannte ihm entgegen, hob ihn an sich und drückte ihn fest.
„Papa, Papa, die Waldgeister haben mich zurückgebracht“, quiekte der Kleine fröhlich. „Ich habe mich verlaufen und sie haben mich gefunden und mir Essen und Trinken gegeben. Es tut mir so leid, bitte nicht böse sein. Ich laufe nie wieder weg!“, erklärte der kleine Sergej und konnte kaum Luft holen, weil ihn sein Vater so fest umarmte, während ihm die Freudentränen übers Gesicht liefen und er Gott dankte für dieses Wunder. Die Freude über die Rückkehr des Jungen überwog jegliche Angst die ein Mensch haben kann, wenn er Wesen von Angesicht zu Angesicht begegnet, mit dessen Existenz er niemals gerechnet hätte.
„Sergej! Sergej!“, rief er nur und wusste nicht wohin mit seinem Glück, als nun auch Irina und ihre Schwester aus dem Haus gelaufen kamen und den Jungen umarmten und sein Gesicht mit Küssen überschütteten. Die fremdartigen Personen jedoch sahen nur dabei zu und lächelten still.
„Wie können wir euch jemals danken? Wie können wir das wieder gut machen?“, fragte Irina sie schließlich. „Bitte kommt herein und wärmt euch an unserem Feuer. Seid ihr hungrig? Wollt ihr etwas zu Essen?“ Manche von den Personen sahen sich fragend an und begannen mit kurzen Sätzen zueinander zu sprechen in einer Sprache, die die Familie noch nie zuvor gehört hatte. Worte die so klangen, als wären sie Teile eines beruhigenden Gesangs mit vielen Höhen und Tiefen, Laute aus einer unbekannten Welt. Einer der Männer hob schließlich seine Hand zum Abschied gen Irina, lächelte und schüttelte den Kopf sachte. Dann drehten sie sich alle langsam um und zogen wieder hinaus in die Dunkelheit und in Richtung des Waldes. Still und ruhig verschwanden sie und der Nachtwind und der fallende Schnee verwischte ihre Spuren. Es dauerte nicht lange und auch die Lichter ihrer Wanderstäbe waren nicht mehr zu sehen gewesen.
„Auf wiedersehen liebe Waldgeister!“, rief Sergej ihnen nach und winkte. Es hatte jedoch kein Wiedersehen mehr gegeben und wenn sie damals nicht alle zusammen bei dieser höchst seltsamen Begegnung dabei gewesen wären, hätten sie im Nachhinein an ihrem Verstand gezweifelt. Am nächsten Tag waren ihnen bis auf Sergej nur zwei Dinge geblieben, die dieses unwirkliche Treffen belegten. Es war zum einen die dünne weiße Decke aus dem fremdartigen Stoff, in der der Junge die Kälte überlebt hatte. Zum anderen aber – und das war ihnen erst später aufgefallen – trug ihr Sohn nun eine Tätowierung auf der linken Schulter von etwa zwei Fingerbreit Größe. Dieses Bild sah aus wie eine Schrift, deren Zeichen man nicht lesen oder deuten konnte. Sergej selbst bestätigte und beharrte immer wieder, dass ihn diese Geister wie er sie nannte, im Wald gefunden hatten als er sich beim Spielen verlaufen und nicht mehr zurückgefunden hatte. Sie hatten ihn anfangs nicht verstanden, hatten ihm jedoch aufmerksam zugehört und nach ein paar Tagen, als sie gemeinsam durch die Wildnis gezogen waren, schienen sie den Sinn in seinen Worten erkannt zu haben. Er versuchte ihnen immer wieder zu erklären, wie das Haus seiner Familie aussah und als sie sich wohl sicher waren was er ihnen hatte sagen wollen, hatten sie ihn sogleich auf dem kürzesten Weg zurückgebracht. Sergej berichtete auch, dass sie ihm die Schrift mit einer dickflüssigen Farbe auf die Schulter gemalt und nicht gestochen hatten. Es hatte ihm nicht weh getan, die Farbe jedoch blieb auf seiner Haut. Was die Schrift bedeutete, wusste er nicht. Die Frau, die ihn bemalt hatte, hatte dabei eine schöne Melodie gesummt und war sehr freundlich zu ihm gewesen, wie auch alle anderen in der Gruppe.

Und so verging die Zeit, vergingen die Wochen, Monate und Jahre und Artjom und Sergej wuchsen zu Teenagern heran, als dann das große Unglück über die Familie hereinbrach. Irinas Schwester und ihr Schwager waren zusammen für einen größeren Einkauf nach Neo Jakutsk gefahren, als die Bremsen ihres alten Pickup Trucks kurz vor der Stadt versagten. Der Wagen durchbrach den schlecht gearbeiteten Zaun einer Serpentine in dem bergigen Gelände und überschlug sich mehrere Male, während er den Abhang hinunterrollte. Das Paar überlebte den Unfall nicht und Irina zog fortan die beiden Jungen alleine groß. Natürlich ging dieser Schicksalsschlag nicht spurlos an den Brüdern vorüber, sie reagierten jedoch völlig unterschiedlich darauf. Während Sergej sich zurückzog, wortkarg wurde und immer wieder in schwere Depressionen verfiel, wurde Artjom aggressiv und geradezu cholerisch. Die wenigen Kinder in der weit entfernten Schule hatten so sehr unter ihm zu leiden, dass er schließlich aus dieser Bildungsanstalt ausgeschlossen wurde. Irina wusste sich nicht mehr zu helfen und war vollkommen mit ihm überfordert. Um so dankbarer war sie, als ihr ein Bekannter auf dem wöchentlichen Markt den Rat gab, Artjom zum Militär zu schicken. Sie hatte damit die Hoffnung, dass ihr Neffe auf diese Weise wieder zu einem Halt im Leben finden würde. Vielleicht würde er so seine Wut beherrschen lernen und mit Disziplin und Strenge zu einem guten Mann heranwachsen. Vielleicht konnte ihm das Leben in der Truppe das geben, wozu seine Tante mit ihrer weichen Art offensichtlich nicht imstande war.

Nachdem Artjom dann in der Kaserne von Neo Jakutsk eingezogen worden war, hörten Irina und Sergej lange nichts mehr von ihm. Nach sechs Monaten Grundausbildung der erste Brief, in knappen Worten verfasst. Nach einem Jahr ein weiterer. Dann schließlich die Nachricht, dass seine Kompanie ausrücken musste um weiter östlich einen Aufstand niederzuschlagen, dann noch einen weiteren. Die politische Lage in der Peripherie wurde zwischenzeitlich immer wieder instabil, denn die Menschen rebellierten stellenweise gegen das strikte Regime und die hohe Steuerlast. Es gab Nachrichten die davon sprachen, dass die Regierung >Zeichen setzte<, indem sie bei diesen Aufständen besonders rücksichtslos gegen die Bevölkerung vorging. Artjom war für seinen Einsatz auf dem Feld ausgezeichnet worden und stieg schnell in der militärischen Hierarchie auf. Irina und Sergej ahnten immer mehr, was dies bedeuten musste. Als Sergej seinen Bruder eines Tages im Stützpunkt besuchte und den Geschichten lauschte, die Artjom zum Besten gab, da hatte er schließlich Gewissheit. Sein Bruder war auf dem Schlachtfeld zum rücksichtslosen Mörder geworden, hatte sich von der Regierung zum Werkzeug machen lassen um die Freiheitsbestrebungen unschuldiger Zivilisten im Keim zu ersticken. Sergej hatte versucht Artjom ins Gewissen zu reden, doch der wollte natürlich nicht auf seinen jüngeren Bruder hören. Er war von seiner Sache überzeugt, genoss die Anerkennung in Form von Beförderungen, Orden und Geld, die ihm für seine grauenhaften Taten entgegengebracht worden war. Er schickte Sergej nur lachend fort und dieser kehrte zu seiner Tante zurück und berichtete ihr, wie sehr sich Artjom nunmehr verändert hatte. Noch mehr Zeit verging seitdem und vor drei Wochen dann kam ein Brief des Militärs, dass Artjom bei einer Militäroperation vor der Küste Tennogawas im Einsatz gefallen war. Von einem heldenhaften Tod war die Rede gewesen in diesem amtlichen Schreiben, das verfasst war wie eine Mischung aus Aktennotiz und Propagandablatt. Keine Erklärung jedoch, was Truppen der Nordstädte überhaupt an der Küste der japanischen Nordinsel machten und warum sie dort gewesen waren. Während Irina weinte und ein paar Tage brauchte um sich von diesem Schock zu erholen, verfiel Sergej jedoch in trotzigen Widerstand.
„Spürst du es nicht auch, Tantchen?“, hatte er gesagt. „Spürst du es nicht auch? Artjom ist nicht tot. Es ist nicht so wie bei meinen Eltern damals als ich sofort gefühlt habe, dass sie tot sind, noch bevor ich das verbrannte Auto gesehen hatte. Es ist anders diesmal, mein Bruder lebt, ich bin mir ganz sicher.“
„Ich weiß du hast ihn geliebt, trotz allem was er getan hat. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Du darfst dich nicht gegen die Wahrheit stellen, das wird dich nur innerlich auffressen“, hatte Irina ihm geantwortet, doch er beharrte weiter auf das, was sein Innerstes ihm sagte. Sie gerieten hierüber sogar wiederholt in Streit, denn so sehr sie ihren Neffen in seiner Trauer auch verstand, so sehr wollte sie jedoch, dass er sich nicht in dieser fixen Idee verrannte. Und nun… nun war er da draußen in tiefkalter Nacht. Schon wieder, genau wie damals. Irina ließ den Blick auf ihre Tasse sinken und seufzte tief und mit allem Schmerz, der ihr Herz umklammerte.

Der Weg durch den kniehohen angetauten Schnee war lang und beschwerlich gewesen. In der Dämmerung tauchte am Horizont bereits das vertraute Licht seiner alten Blockhütte auf, sein Elternhaus. Nicht mehr lange also und er war am Ziel angekommen. Kalter Wind blies ihm entgegen, seine hüftlangen pechschwarzen Haare klebten ihm schweißnass und strähnig ins Gesicht. Geistesabwesend griff er sich eine Handvoll der matschigen weißen Masse und steckte sie sich in den Mund, um sie dort langsam tauen zu lassen und seinen Durst zu stillen. Dann rückte er seinen schweren Rucksack noch einmal zurecht, dessen Gurte ihm schmerzhaft in die Schultern schnitten. An ihnen waren zusätzlich sein Bogen samt Köcher und die beiden erlegten Hasen befestigt. Der Schnee war immer noch zu hoch, als dass er seine Beute an seinem Gürtel hätte schnüren können, wie er es normalerweise getan hätte. Er marschierte weiter, Schritt für Schritt, weiter durch die Finsternis, die nun durchdrungen war vom aufkommenden Heulen der Wölfe aus der Ferne, die seine Fährte in einiger Entfernung aufgenommen haben mussten. Teilnahmslos und unbeeindruckt stapfte er vorwärts, kümmerte sich nicht um die potentielle Gefahr, die sich von hinten zu nähern schien. Es war keine große Überraschung, dass der Geruch der Hasen solche umherziehenden Rudel anlockte. Zu dieser Jahreszeit fanden die Raubtiere hier draußen in der Wildnis kaum etwas zu fressen und der verführerische Duft machte sie die natürliche Abstoßung vor der menschlichen Fährte vergessen. Das Heulen kam näher an ihn heran und er seufzte. Warum konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Musste diese vollständige Verausgabung so kurz vor dem Ziel wirklich noch sein? Er hatte keine Lust auf einen Kampf oder darauf, einen der beiden Hasen zu opfern um Zeit zu gewinnen. Seine mit dicken Fäustlingen geschützten Hände packten die Rucksackgurte fest und er beschleunigte seinen Schritt in einen leichten Lauf. Es war das Maximum, was in diesem hohen Schnee und nach der bereits zurückgelegten Strecke möglich war. Schon nach wenigen Minuten rann ihm der Schweiß in die zu dünnen Schlitzen zusammengekniffenen Augen und sein Hals brannte von der kalten Luft, die er schnell durch den geöffneten Mund einsaugen musste.
„Warum kann es nicht ein einziges Mal glatt gehen, verdammte Scheiße…“, keuchte er vor sich hin, als das Heulen hinter ihm erneut ertönte. Immerhin schien sich der Abstand zu seinen Verfolgern nicht noch weiter zu verringern. Weit war es nicht mehr bis zur Hütte, er hatte es bald geschafft. Diese Biester würden ihn doch nicht etwa bis zur Eingangstüre verfolgen? Noch während er dies dachte, verspürte er einen stechenden Schmerz im rechten Fuß und stürzte nach vorne, landete auf den Knien und Händen, sank in den Schnee ein. So ein Mist, was war passiert? War er an einer Wurzel oder einem größeren Stein hängen geblieben? Er wusste es nicht. Er atmete schwer und laut, sein Herz raste. Am liebsten hätte er sich jetzt in den weichen Schnee gelegt, um an Ort und Stelle einzuschlafen. Dann sah er hoch, sah das flackernde Licht der Fenster seines Hauses durch die Schwaden seiner ausgestoßenen Atemluft. Nicht mehr weit. Hoch jetzt! Während er sich aufrappelte, hörte er ein Heulen und Knurren hinter sich in bedrohlicher Nähe.
„Ihr könnt mich alle mal“, zischte er und stapfte erneut los, biss die Zähne zusammen um den Schmerz der überdehnten Sehnen in seinem Fuß zu überspielen, wurde wieder schneller. Seine Sichtfeld flimmerte. War das sein Kreislauf oder die Schmerzen? Was würde passieren, wenn er jetzt ohnmächtig wurde? Er rannte nun, wie, das wusste er nicht, rannte durch den Schnee und wagte nicht sich dabei umzusehen. Die Türe im Haus vor ihm tat sich auf und eine Gestalt eilte durch den Lichtschein heraus. Es war sein Tantchen, die da mit der rostigen Büchse seines Vaters aus dem Haus kam. Sie musste ihn gesehen haben und auch die Wölfe, die ihn jagten. Während er weiter Schritt um Schritt zu ihr heran eilte, erhob sie die Büchse in die Luft und schoss, der Knall durchbrach die Stille der Nacht wie ein Donner. Die Wölfe schreckten daraufhin zurück, kehrten schlagartig um und ließen von ihm ab. Dann lief sie ihm entgegen, fing ihn auf als er mit letzter Kraft in ihre warmen Arme stolperte.
„Sergej, mein kleiner Sergej“, schluchzte sie, als sie den jungen Mann hielt, der sie um anderthalb Köpfe an Größe überragte. Der jedoch schnaufte tief, japste nach Luft und lächelte dann.
„Ich habe Hasen mitgebracht, Tantchen. Die werden uns die nächsten Tage eine schöne Suppe geben“, sagte er schließlich. „Es wird unser Abschiedsessen werden.“ Irina zuckte zusammen, als sie seine Worte hörte.
„Du…?“, begann sie.
„Ja“, unterbrach er sie sogleich. „Ich hab nachgedacht, während ich auf der Jagd war. Ich muss es tun um Gewissheit zu bekommen, werde in die Stadt gehen. In der Kaserne werde ich hoffentlich herausfinden, was wirklich mit Artjom geschehen ist.“
„Sie werden dich nicht hineinlassen“, schüttelte Irina den Kopf und stütze ihrem Enkel, um mit ihm langsam ins Haus zu gehen. „Du begibst dich nur unnötig in Gefahr. Schon wieder. Und für nichts. Komm’ jetzt erst einmal herein, wärme dich auf und ruhe dich aus. Morgen sehen wir weiter.“ Sergej hingegen lächelte wieder. Seine Entscheidung stand unumstößlich fest. Wenn er wieder bei Kräften war, würde er in die Stadt gehen. Und er würde finden wonach er suchte, dessen war er sich sicher. Egal ob in der Kaserne oder auf den Straßen der Metropole. Er würde endlich die Wahrheit erfahren und seinen Bruder wiederfinden. Es würde ihm endlich wieder Frieden bringen.


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