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Elysium Roman 4 – Kapitel 2: Der Tunnel


Anton sah die drei Gestalten in ihren Strahlenschutzanzügen etwas skeptisch an und winselte leise. Dem Jagdhund schien diese Art von Kleidung keinesfalls fremd zu sein, eher im Gegenteil. Seine Reaktion und sein ängstlicher Blick zeigten, dass er keine guten Erinnerungen mit dem jetzigen Aussehen von Abigail, Harry und Yuri verband.
„Och mein Kleiner, hab keine Angst. Wir sind sicher ganz bald zurück“, säuselte Abigail mitfühlend, kniete sich zu ihm hinunter und knuddelte noch einmal seine Ohren.
„Ja, wir nämlich nicht sterben wollen in grässlicher Monsterhöhle da hinten, mit wahrscheinlich hunderten von Crawlern drin“, brummte Yuri bestätigend und entsicherte seine Maschinenpistole geräuschvoll. Er trug einen weiten Schutzanzug in Übergröße und sah damit aus, als würde er für eine Rolle als Werbemaskottchen für Spülmaschinenreiniger vorsprechen wollen – auch wenn er dies nicht hatte hören wollen. Harry, der gerade in Richtung der Sicherheitstüre zu dem Tunnel schaute der vor ihnen lag, konnte ein erneutes ängstliches Winseln vernehmen. Diesmal hatte er aber das Gefühl, dass es nicht mehr von Anton sondern von Abigail stammte. Die drei hatten dem Hund mehrere Schüsseln mit Wasser und Futter gefüllt, weil sie nicht abschätzen konnten wann sie wieder zurück sein würden.
„Bereit?“, fragte Harry und die anderen beiden folgten ihm wortlos in die Dekontaminationskammer. Dann schlossen sie die Türe hinter sich. Anton setzte sich vor die Scheibe und beobachtete das Trio mit seinem besorgt scheinenden Blick. Sein leises Wimmern konnten sie durch das dicke Panzerglas nicht mehr hören.
„Nicht vergessen: müssen halten uns Viecher weit von Leib. Dürfen nicht beschädigen unsere Anzüge, diese Crawler“, erklärte Yuri. Abigail überprüfte noch einmal die gefüllte Trommel ihres kleinen silbernen Colts, der mit den Handschuhen des Schutzanzugs nicht leicht zu greifen war.
„Werde es versuchen“, erwiderte sie etwas säuerlich. Sie verstand den Satz des Hünen zuerst als uncharmante Anspielung auf ihren unfreiwilligen Nahkampf kurz zuvor am Eingang dieser Untergrundbasis im U-Bahn-Netz, bei dem er sie erst in letzter Sekunde vor den zuschnappenden Kiefern eines dieser grässlichen Wesen hatte retten können. Allerdings kannte sie den großen Mann aus den Nordstädten mittlerweile lange genug um zu wissen, dass dies kein böse gemeinter Seitenhieb gewesen war. Als sich dann die Türe zum Gang öffnete und den Weg vor ihnen freigab, war Abigail nicht nur wegen der offensichtlich vorhandenen radioaktiven Strahlung froh, dass sie diese leicht unhandlichen Anzüge trugen. Der Bereich mit den Leichen der Sicherheitsleute und Crawler musste zweifellos von grauenhaftem Gestank überzogen sein, der ihr auf diese Weise zum Glück erspart blieb. Schweigend staksten sie über die Körper hinweg und folgten dem beleuchteten Gang langsam und vorsichtig. Yuri ging vorweg und hielt seine Waffe im Anschlag. Harry hatte sein Schwert vorerst am Gürtel des Anzugs verstaut, holte nun ein kleines Strahlenmessgerät aus der Beintasche und schaltete es an. Die Strahlung war in der Nähe des Platzes mit den Leichen tatsächlich etwas höher gewesen, sank ein wenig mit jedem Schritt, dem sie den Gang folgten.
„Kleinen Moment mal eben“, meinte Harry und ging kurz zu den Körpern zurück. Dann untersuchte er sie mit dem Messgerät genauer und machte eine überraschende Entdeckung.
„Was ist da hinten?“, fragte Abigail und versuchte, nicht zu laut zu rufen. Ihre Stimme klang ungewohnt dumpf unter der Helmglocke.
„Die Körper von den Crawlern sind auffällig stark verstrahlt“, gab Harry zurück. „Die strahlen sogar noch um einiges stärker als die Schutzanzüge der toten Wachen hier. Man müsste sie eigentlich in eine Giftmüllanlage bringen. Keine Ahnung ob es nicht eher gefährlich wäre, sie einfach so – sagen wir – zu verbrennen.“
„Und wir hatten alle ziemlich nahen Kontakt zu den Dingern“, schnaufte Abigail leicht nervös. Hatten sie von den Kämpfen am Ende größere unsichtbare Schäden davongetragen, als die Wunden, die ihnen ihre Feinde zugefügt hatten?
„Keine Angst, nicht lange genug gewesen ist um zu bekommen schlechte Folgen deswegen. Wenn du fliegst, in Flugzeug auch haben viel Strahlung, ganz normal das ist“, versuchte Yuri sie zu beruhigen. Aus seiner Militärausbildung waren ihm noch ein paar Grundkenntnisse zu dem Thema geläufig. Vielleicht sollten sie Ralph zumindest vorsichtshalber ein paar Jodtabletten in der Apotheke holen lassen, wenn sie wieder an der Oberfläche waren?
„Ja, stimmt. Wie ich auch ständig zu tropischen Paradiesen in den Urlaub fliege, um meinen Luxuskörper in die Sonne zu halten“, seufzte Abigail resignierend und folgte ihm dann weiter, als auch Harry wieder zur Gruppe aufgeschlossen hatte. Harry überlegte unterdessen.
„Es heißt ja nicht, dass es zwingend so wäre, dass alle Crawler überall im Untergrund radioaktive Strahlung abgeben? Vielleicht hat sich nur eine Gruppe von ihnen in diesen Bereich hier verirrt und strahlt deswegen? Im Polizeibericht stand jedenfalls nichts davon“, merkte er an.
„Yanny hat aber auch nicht erwähnt, dass eine Untersuchung auf Strahlung bei diesem einen Körper mit den Tätowierungen durchgeführt worden ist“, antwortete Abigail, die ihre Waffe in beiden Händen hielt und deren Lauf während des Gehens vor sich auf den Boden gerichtet hatte. „Sie hätte uns etwas davon gesagt, sie ist gründlich.“
„Gehört sicher auch nicht zur Standardprozedur. Auch nicht in der Gerichtsmedizin. Jedenfalls nicht, wenn keine optischen Anzeichen dafür vorliegen“, überlegte Harry weiter.
„Also offene Wunden, Blasen und so weiter…?“, nahm Abigail den Gedanken auf und er nickte.
„Die Frage auch ist“, unterbrach sie Yuri „warum Crawler konnte teleportieren durch mich hindurch während Kampf?“
„Ja stimmt, Mist. Ich habe das noch aus dem Augenwinkel mitbekommen, als ich dem Wachmann am Boden helfen wollte. In dem ganzen Tumult ist das aber vollkommen untergegangen“, entgegnete Harry.
„Erinnere mich, dass ich hatte plötzlich starken metallischen Geschmack im Mund, nachdem es passiert war. Mir war richtig übel“, berichtete Yuri weiter. „Würde dafür sprechen, dass Crawler draußen auch verseucht sind mit Strahlung.“
„Ja, das haben sie dann wohl alle gemeinsam“, nickte Harry langsam und betrachtete seinen Kameraden nun mit besorgtem Blick. Hatte er vielleicht doch etwas mehr abbekommen, als sie geahnt hatten? „Mir ist aber deswegen immer noch nicht klar, warum er sich durch dich hindurchteleportieren konnte?“, fuhr Harry dann fort. Yuri zuckte daraufhin nur mit den Schultern. Sie konnten sich alle keinen Reim darauf machen.
„Anscheinend nicht jeder von ihnen können das. Und auch nicht ständig, sonst wir hätten gehabt keine Chance“, gab er zurück.
„Wohl wahr“, sagte Harry und hielt schließlich mit den anderen an, als sie eine Weggabelung erreicht hatten. Er warf wieder einen Blick auf das Messgerät. Die Strahlung war an diesem Punkt wieder stärker als zuvor.
„Links oder rechts?“, fragte Yuri die beiden anderen. Während der linke Gang weiter mit Neonröhren erhellt war, brach im rechten Gang die Beleuchtung schon nach einigen Metern ab und führte in die Dunkelheit. Yuri zog eine der beiden mitgebrachten Taschenlampen aus der Beintasche und leuchtete nach ein paar Schritten kurz in die finstere Schwärze hinein. Der Gang schien überraschenderweise in einen natürlichen Tunnel zu führen. Der Lichtstrahl wurde von den unbearbeiteten und feucht scheinenden, glatten Wänden auf gespenstische Art und Weise reflektiert. Viel konnte man allerdings von ihrer Position aus nicht erkennen.
„Links, wir gehen links“, verkündete Abigail wie beiläufig, jedoch mit leicht zitternder Stimme und wendete sich schon dem gut beleuchteten Gang zu.
„Na gut“, bestätigte Harry schmunzelnd, der sich sehr gut vorstellen konnte, warum sie diese Wahl so schnell getroffen hatte.
„Kommt ihr?“, fügte sie nun mit leicht bestimmendem Ton an.
„Schön langsam kriegen ich Hunger“, bemerkte Yuri nur und übernahm dann wieder die Führung.
„Hättest dir vorhin besser noch ein Sandwich in den Helm legen sollen“, erwiderte Harry und bildete wie zuvor die Nachhut. Der Hüne hatte allerdings recht, sie hatten mittlerweile schon seit geraumer Zeit nichts mehr gegessen und auch Harrys Magen begann zu knurren. Als sie ihren Weg so fortsetzten, wurde die Strahlung nun sehr viel schneller sehr viel stärker. Es dauerte nicht lange und der Gang, der sich in ein paar Kurven durch den Untergrund schlängelte, wurde merklich breiter. Nach weiteren fünf Minuten Marsches schien er seine höchste Ausdehnung erreicht zu haben. Nun hätten problemlos zwei Autos nebeneinander Platz gefunden. Der Gang war inzwischen in regelmäßigen Abständen durch breitere Säulen gestützt, die ihnen – so hofften sie zumindest – im Notfall eine gewisse Deckung bieten würden. Sie bemühten sich natürlich trotzdem darum, sich möglichst geräuschlos fortzubewegen, auch wenn sich dies bei der hallenden Akustik des Ortes als äußerst schwierig herausstellte. Wiederum nur wenig Zeit verging, bis sie die Eingänge zu zahlreichen Nebengängen erreichten, die jeweils auf linker und rechter Seite des breiten Tunnels zugänglich waren. Diese Nebengänge waren nicht durch Türen versperrt, allerdings auch nicht beleuchtet. Soweit sie sehen konnten, gab es etwa fünf Eingänge auf jeder Gangseite, verteilt in regelmäßigen Abständen genau gegenüber. Yuri war gerade dabei, sich zu einem dieser Eingänge zu bewegen um ihn genauer unter die Lupe zu nehmen, als sie plötzlich ein Motorengeräusch hören konnten. Yuri schaltete sofort seine Taschenlampe aus und zögerte eine Sekunde. Abigail und Harry hatten sich augenblicklich hinter einer der stützenden Säulen versteckt und deuteten ihm hastig von dort aus, er solle nicht mehr zu ihnen laufen. Er hielt einen weiteren Moment inne und verstand. Das Motorengeräusch näherte sich viel zu schnell. Er rannte also in die entgegengesetzte Richtung, genau auf den Nebeneingang zu, den er sich ohnehin hatte näher ansehen wollen. Er lief in die Dunkelheit und hoffte inständig, dass ihn niemand entdecken würde. Das knatternde Geräusch kam näher und noch näher, wurde sekündlich lauter.
„Verdammter Mist“, schnaufte er und knipste für wenige Sekunden das Licht der Taschenlampe an, um sich zu orientieren. Es war ein Risiko, dessen war er sich bewusst. Doch er musste es eingehen. Wenn er jetzt auf einen Abgrund zulief oder in eine Horde Crawler, war es ohnehin um ihn geschehen und er wollte wenigstens sehen, was ihn hier erwartete. Nichts dergleichen jedoch war zu erblicken. Was er sah, überraschte ihn allerdings um so mehr. Er befand sich in einem Raum mit etwa zehn mal zehn Meter an Bodenfläche und ungefähr fünf Meter Höhe. In dem Raum waren einige dutzend große gelbe Fässer verteilt, in allen Ecken gestapelt. Sie trugen allesamt das Warnsymbol für Radioaktivität. Viele von ihnen waren rostig und nur schlecht verschlossen, ihr flüssiger Inhalt tropfte auf den Boden. Ganz offensichtlich bestanden sie nur aus Metall von minderer Qualität, das für die Aufbewahrung von strahlendem Material absolut ungeeignet war. An einigen Stellen am Boden hatten sich größere Pfützen von dieser Flüssigkeit gebildet. Was zum Teufel war hier los, was sollte das darstellen? Immerhin befanden sie sich immer noch auf Höhe des U-Bahn-Netzes und somit relativ knapp unterhalb der Stadt. Niemand war so verrückt, Atommüll oder ähnliches direkt unter bewohntem Gebiet abzustellen. Oder etwa doch? Er schaltete seine Taschenlampe sofort wieder aus als er hörte, wie das Fahrzeug von hinten in seine Richtung einbog. Dann nahm er Anlauf und sprang mit aller Kraft zur Seite, rollte sich am Boden ab und landete vor einem Stapel der Fässer. Sekunden später erschienen die Lichtkegel von zwei Scheinwerfern genau dort, wo er eben noch gestanden hatte. Wieder Momente später tauchte ein Kleinlastwagen mit offener Ladefläche auf, der mehrere Fässer der gleichen Bauart geladen hatte. Sie glänzten feucht. Die Türen des Führerhauses öffneten sich und drei Männer in Schutzanzügen stiegen aus. Zwei von ihnen hatten Schrotflinten und große Lampen im Anschlag. Den dritten Mann hatte er nicht mehr sehen können, denn er musste sich ruckartig in seine Deckung zurückziehen. Sein eigener Anzug war zu auffällig und zu leicht auszumachen, wenn er versuchte diese Männer weiter zu beobachten. Yuri hielt die Luft an und hoffte, dass sie nicht in seine Richtung kommen, sondern sich eine andere Ecke zum Abladen ihrer Fracht aussuchen würden. Seine Hände krampften sich stark um seine Maschinenpistole. Er war sicher kein ängstlicher Typ aber er wusste genau, dass eine Beschädigung seines Anzugs hier in diesem Raum voller leckender Fässer fatale Folgen haben konnte. Die Lichtkegel der Lampen suchten den Raum grob ab.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich keines der Viecher gesehen habe“, sagte eine raue und tiefe Stimme. „Die hätten uns außerdem schon längst angegriffen.“
„Stimmt, du hast recht“, bestätigte ein anderer. „Okay, lass uns den Dreck abladen und dann schnell wieder zurück zum Loch. Ich hasse das Lager, hier ist einfach schon zu viel Scheiße passiert.“
„Ja schon gut“, gab der erste wieder zurück. „Aber denk mal an das alte Lager, das war noch schlimmer. Bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich nur dran denke.“
„Erinnere mich nicht daran“, gab nun der dritte Mann zurück. „Den hinteren Trakt betrete ich nie wieder, nicht für alles Geld, da können die noch so viel zahlen.“
„Vielleicht gehe ich ja nochmal zum Plündern rein. Wir hatten schließlich nicht alle Häuser durch“, meldete sich der erste wieder. „Da liegt wahrscheinlich noch eine Menge wertvolles Zeug herum, das sollten wir dort nicht vergammeln lassen. Wäre schade drum.“
„Was nützen mir ein paar Goldmünzen und ein wenig Schmuck unter dem ganzen anderen verdammten Plunder, wenn ich anschließend von den Viechern zerrissen werde? Da hinten wimmelt es nur so von denen.“
„Die ziehen in Rudeln umher. Man müsste nur wissen, zu welchen Zeiten der alte Trakt verlassen ist, dann könnte man sicher noch ein hübsches Sümmchen machen, glaub mir.“
Dann lachte einer der Männer kernig und verwegen, während die anderen beiden etwas unverständliches fluchten und offensichtlich mit der Idee nicht einverstanden waren. Yuri begriff nicht, wovon die Männer da sprachen. Was für ein Loch? Altes Lager? Plündern? Häuser? Was für Häuser? Goldmünzen? Dann hörte er das Geräusch des Hebels, mit dem die hintere Klappe des Transporters hinuntergelassen wurde. Die Männer begannen nun offensichtlich damit, ihre Fracht langsam Fass für Fass von der Ladefläche zu rollen. Er hätte diese Kerle nur zu gerne verhört und aus ihnen die Informationen heraus gekitzelt, die für TRAP sicher von großem Wert waren. Immerhin hatten sie nicht Abigail und Harry draußen entdeckt. Wieder hielt er die Luft an und machte sich so klein, wie es ihm nur irgend möglich war.


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