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Elysium Roman 5 – Kapitel 1: Fremdes Eigentum


Das Gute und das Rechte ist mit mir.
Marcus Aurelius

Aksinja wartete in einigem Abstand und sah ihm mit starrem Blick nach, trat von einem Fuß auf den anderen um die Kälte besser ertragen zu können. Dann zog sie ihren Mantel enger um sich und kaute nervös auf ihrer Unterlippe, während ihr der kalte Wind unangenehm ins Gesicht wehte und die frisch gefallenen Schneeflocken vom Boden aufwirbelte. Die Slums waren im Gegensatz zum Rest von Neo Jakutsk in der Nacht nur spärlich beleuchtet. Das breite Schild, das über dem Eingang des gegenüberliegenden Gebäudes angebracht war, wurde von einem flackernden Strahler beschienen, dessen Unregelmäßigkeiten von einem elektrischen Knistern begleitet waren. Er war die einzige Lichtquelle in der näheren Umgebung, genug jedoch um die Gestalt ihres Vertrauten erkennen zu können, der sich mit leicht federndem Schritt seinem Ziel näherte. Die letzten Tage hatten ihm die nötige Zeit zur Erholung gegeben. Von seiner Fußverletzung, die er sich auf der Flucht vor einem Wolfsrudel zugezogen hatte, merkte man mittlerweile nichts mehr.

War das alles hier wirklich so eine gute Idee gewesen? Hätte es nicht vielleicht doch eine andere Möglichkeit gegeben, wenn sie beide nur länger danach gesucht hätten? Natürlich wusste Aksinja, dass Sergej keine Zeit hatte verlieren wollen. Er hatte sie dazu gedrängt alle ihre Kontakte auszuschöpfen, die sie zu den >Ratten< hatte, wie man die Slumbewohner in dieser Stadt nannte. Die Spur zu seinem Bruder Artjom – besser gesagt zu dieser gruseligen Monstrosität, die ihm bis aufs Haar zu gleichen schien – konnte sich schnell ins Nichts verlieren. Niemand konnte wissen was das Militär vorhatte und zu welchem Zweck dieses >Ding< erschaffen worden war. Einerseits vertraute sie Sergejs Gefühl, der seinen Bruder wirklich zu spüren glaubte. Seiner tiefsten Überzeugung, dass Artjom noch am Leben war. Andererseits zweifelte sie trotzdem stark daran, seit sie beide diesem Mann in der unbekannten schwarzen Uniform für einen Moment von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatten. Ein bulliger Riese mit einer Haut aus Gummi, der sich sonderbar ruckartig und unnatürlich bewegte. Mit leeren, toten Augen und ohne jegliche menschliche Regung in seinen Zügen. Er hatte Sergej nicht erkannt und nur für einen kurzen Augenblick inne gehalten, als sie sich in der Kaserne über den Weg gelaufen waren. Und doch war dieser eine Moment für den Jäger, der von so weit her aus der Peripherie gekommen war, genug gewesen um sich einen Funken Hoffnung zu bewahren. Hoffnung, die Wahrheit zu erfahren. Hoffnung, einen für ihn so wichtigen Teil seiner Familie nicht für immer zu verlieren. Aksinja schüttelte unmerklich den Kopf, als Sergej den Eingang erreicht hatte. „Das nimmt alles kein gutes Ende…“, murmelte sie, um dann fast tonlos hinzuzufügen: „Bitte sei vorsichtig. Ich habe sonst nichts. Nur dich.“ Sie hatte recht, sie war allein. Ihre Eltern waren nach den Jahren ihrer Abwesenheit und in der Gefangenschaft der >Ewigen Wölfe< nicht mehr zu finden gewesen. Ihre Spuren hatten sich im Gewirr der Straßen und Gassen dieses unwirtlichen Ortes für immer verloren. Es gab nichts mehr, wohin sie hätte zurückkommen können.

Sergej zog den dicken, braunen Vorhang aus Leder zur Seite, der mangels einer Türe am Eingang angebracht war und betrat die große Baracke. Innen war es düster, die Luft roch abgestanden und muffig, ein Gemisch aus Zigarettenrauch und scharfem Alkohol schlug ihm wie eine Wand entgegen. Das war sie also, die sogenannte >Taverne<. Ein berüchtigter Treffpunkt für diverse Stammgäste und Geschäftemacher, denen man unter normalen Umständen nicht gerne begegnete. Sergej wusste, dass er nur eine reelle Chance hatte sein Ziel zu erreichen wenn er schnell war, schnell handeln würde. Wenn er seinen Überraschungsmoment würde nutzen können. Er durfte keinen Zweifel zulassen, wenngleich dieser jedoch in seinem tiefsten Inneren schwer an ihm nagte. Aber nun war er hier und es gab kein zurück mehr. Er hatte sich für diesen Weg entschieden und er würde ihn gehen.

Die Taverne war um diese Zeit gut besucht und man hatte noch keine Notiz von ihm genommen. Zumeist waren größere Gruppen um die runden Tische versammelt und unterhielten sich, tranken und konsumierten alle möglichen Formen von Tabak und Aufputschmitteln. Die Musik war für einen solchen Ort auffällig leise gestellt, jedoch noch laut genug um nicht mehr verstehen zu können was am Nebentisch gesprochen wurde. Wahrscheinlich war es auch genau das, was die Gäste hier suchten. Verborgen sein, direkt in der Öffentlichkeit. Sergej sah sich kurz um. Sein Auftraggeber hatte wirklich nicht zu viel versprochen. Die zwielichtigen Vertreter verschiedenster Gruppierungen der Unterwelt hatten sich hier zusammengefunden und man besprach, was es eben so zu besprechen gab. Zwischen ihnen tummelten sich leicht bekleidete Prostituierte und andere Mädchen, die ganz offensichtlich nicht freiwillig hier waren. An einem der Tische fielen ihm zwei junge Damen ins Auge, die genau wie noch vor Kurzem Aksinja einen Metallring mit einer Kette um den Hals trugen. Sergej schloss für einen Moment die Augen und atmete durch, um sich zu beruhigen. Er musste wachsam bleiben, einen kühlen Kopf bewahren, durfte sich nicht von seinen Gefühlen und seinem aufwallenden Hass überwältigen lassen. Dann entdeckte er, wonach er gesucht hatte. Die Beschreibung passte genau. Ein Mann in einer abgetragenen Camouflagejacke und einer Brille mit großen abgedunkelten Gläsern. Schnauzbart, Narbe auf der Stirn, die türkis gefärbten Haare auf der linken Kopfseite abrasiert, auf der rechten Seite schulterlang. Seine Erscheinung war auffällig genug um eine Verwechslung höchst unwahrscheinlich zu machen. Der Mann unterhielt sich gerade mit einem stark geschminkten Mädchen, das vermutlich zu den Animierdamen der Taverne gehörte, wie ihr extrem kurzer Rock und die hochhackigen weißen Lederstiefel andeuteten. Sie bewegte sich leicht lasziv zum Rhythmus der Musik, während sie seinen Worten übertrieben strahlend lauschte. Sergej setzte sich wieder in Bewegung, steuerte direkt auf die beiden zu. Der Jäger hatte seine Beute erspäht, versuchte nun jedes noch so kleine Detail in sich aufzunehmen. Der Mann wankte leicht und hielt ein viereckiges Glas mit einem Rest brauner, zäher Flüssigkeit in der Hand. Sein Blick klebte geradezu auf dem großzügigen Ausschnitt des vor ihm stehenden Mädchens. Unter der Jacke trug er höchstwahrscheinlich eine Handfeuerwaffe, wie eine auffällige Erhebung verriet. Sergej ging bis auf zwei Schritte zu dem Mann und dem Mädchen heran.
„Jegor Michailowitsch…?“, sprach er den Mann an. Dieser drehte sich leicht verwundert zu ihm um und musterte Sergej, der in seiner dicken pelzbewährten Kleidung immer noch so aussah, als wäre er geradewegs aus der Wildnis gekommen.
„Ja? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin, Bauer?“, gab Jegor zwar lallend aber auch in einem äußerst schroffen Ton zurück. Wieder atmete Sergej tief durch und presste die Zähne aufeinander. Nichts gab es an diesem Ort, das schön oder gut gewesen wäre. Er war am Bodensatz der Menschheit angekommen. Wie viele Morde, Überfälle und Drogengeschäfte mochten wohl in dieser Nacht in der Taverne geplant werden? Wie viele Prostituierte arbeiteten hier unfreiwillig. Wie viele der Mädchen der anwesenden Gangmitglieder waren ebenso wie Aksinja versklavt worden? Und doch konnte er den letzten Rest seines Zweifels nicht ablegen. War es denn wirklich richtig, was er hier tat? Würde er nicht selbst dadurch ein Stück zu dem werden, was er so sehr verachtete? Er wünschte sich zurück in die Natur, zurück in die Peripherie zu den wilden Tieren von denen sich keines jemals so verhalten würde, wie diese Ansammlung an Verbrechern hier.
„Du hast etwas, das dem Lord gehört“, erklärte Sergej dann ruhig und bestimmt. „Er will es zurück und zwar sofort.“ Jegors Augen verengten sich zu Schlitzen und die Finger der Hand, mit der er das Trinkglas hielt, gingen unmerklich zu dem offenen Reißverschluss seiner Jacke. Sergej war diese Bewegung nicht entgangen. Jegor platzierte seine Hand eben genau dort, um der anderen Hand den Weg zu seiner Waffe erleichtern zu können.
„Ich weiß nicht wovon du redest, Bauer. Und jetzt geh’ wieder in deinen Stall zum Scheiße schaufeln“, feixte er mit einem dreckigen Grinsen, das eine ganze Reihe gelber Zähne entblößte. Das Mädchen kicherte mit aufgesetzt guter Laune über diese Beleidigung und presste mit den Oberarmen ihre fülligen Brüste zusammen, die daraufhin ein gutes Stück aus dem Ausschnitt quollen. Anscheinend waren ihr derlei Situationen nicht fremd, anders war ihre abgestumpfte Haltung nicht zu erklären. Jegors Blick ging sofort wieder zu den beeindruckend ausgeprägten weiblichen Formen seines Gegenübers. Es war genau die Sekunde Ablenkung, die Sergej gebraucht hatte. Er nahm Schwung und trat Jegor mit aller Kraft seitlich in das linke Knie. Das Bein knickte mit einem lauten Knacken ein, als es direkt unterhalb des Knies brach und er mit weit aufgerissenen Augen wie ein gefällter Baum auf den Boden sackte. Der Schmerz raubte Jegor die Luft und noch bevor er schreien konnte, packte ihn Sergej an seinen gefärbten Haaren und riss seinen Kopf zur Seite, kniete sich gleichzeitig auf seinen rechten Unterarm und zog mit der anderen Hand eine Pistole unter der Camouflagejacke seines Opfers hervor. Dann holte er aus und ließ den Griff der erbeuteten Pistole mit einem wuchtigen Schlag auf die Nase Jegors hernieder sausen. Blut spritzte aus der nun grotesk abstehenden Nase über den Boden. Jegor röchelte, gurgelte und spuckte noch mehr Blut, als Sergej den Zug auf seine Haare verstärkte und ihm den Kopf schon fast bis auf die rechte Schulter hinuntergedehnt hatte. Dann setzte er den Lauf der Waffe genau auf die kahlrasierte Stelle des Kopfs. Sergejs Herz raste wie wild und er bekam nicht mit, wie die Gespräche in der Taverne verstummt waren, wie plötzlich fast alle Augen auf ihn gerichtet waren.
„Du hast etwas, das dem Lord gehört“, wiederholte er seinen Satz von vorhin Wort für Wort. Er sprach dabei sehr langsam, sehr deutlich. „Er will es wiederhaben, wo ist es?“
„Hose… Tasche… Hinten…“, gurgelte Jegor und verdrehte vor Schmerz die Augen so sehr, dass man seine Pupillen kaum mehr erkennen konnte. Sergej spannte den Hahn der Pistole langsam durch, der mit einem Klicken einrastete. Nur ein Zucken seines Fingers würde genügen.
„Dann hol’ das Ding dort raus und zeig es mir“, knurrte Sergej. Zitternd tat Jegor wie ihm befohlen. Seine Hand ging langsam zu der Tasche und er zog eine Geldbörse hervor, aus der eine kleine Diskette hervorlugte. Er hielt sie ihm hin. Sergej ließ die Haare los, riss ihm die Börse aus der Hand und erhob sich im gleichen Augenblick. Die Waffe richtete er dabei immer noch auf dessen Kopf. Blut floss in einem dünnen Rinnsal aus der gebrochenen Nase, das zersplitterte Bein war in einem unnatürlichen Winkel verdreht. Jegor keuchte erneut, zuckte und wurde vor Schmerz ohnmächtig.
„Hey Süsser, das war echt heiß wie du ihn so einfach fertig gemacht hast. Du bist ein echter Killer, das hat mich total scharf gemacht! Willst du mal was richtig Geiles erleben?“, säuselte das Mädchen in den weißen Stiefeln zu Sergej und streichelte sich dabei aufreizend über ihre fülligen Brüste. Sergej öffnete die Geldbörse und warf einen Blick hinein. Dann zog er einen 1.000-Rubel-Schein hervor und hielt ihm den Mädchen hin. Die blickte verdutzt darauf, nahm den Schein jedoch sofort an. Noch während sie den Banknote in ihrem Ausschnitt verstaute, war Sergej auch schon auf dem Weg nach draußen. Er vermutete, dass die Mädchen Ärger bekamen, wenn sie nicht genug Geld heranschafften und er hatte gerade ihren Kunden bewusstlos geschlagen. Sie sollte nicht auch noch seinetwegen Schwierigkeiten bekommen, sie trug an alledem keine Schuld. Sergej setzte einen Fuß vor den anderen und durchquerte die Taverne mit schnellem Schritt, während die Gespräche und Verhandlungen ringsumher wieder an Fahrt aufnahmen. Man achtete nicht mehr auf ihn. So war das hier in den Slums, so war das in der ganzen Stadt. Sergej hatte sich gerade eben gnadenlos genommen was er wollte und wofür er gekommen war. Man respektierte Rücksichtslosigkeit und Gewalt. Er war in diesem Spiel der Stärkere gewesen. Keiner der anderen Gäste hatte auch nur im Ansatz eine Regung gezeigt, bei dieser Auseinandersetzung einzuschreiten. Jegor gehörte keiner Gruppierung an, er war nur ein einfacher Dieb. Ein Dieb, der seine Hände an das Eigentum von jemandem gelegt hatte, der sich dies nicht bieten lassen wollte.

Als Sergej den Vorhang nach draußen wieder durchschritt, nahm er das Magazin aus der erbeuteten Pistole und steckte es ein, ließ die Waffe selbst jedoch vor dem Eingang fallen. Das Magazin würde auch in der Pistole passen, die er Aksinjas Peiniger vor einiger Zeit abgenommen hatte und etwas zusätzliche Munition konnte nicht schaden. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen ging er einfach geradeaus, ging auf Aksinja zu, die immer noch in der Kälte und Dunkelheit auf ihn wartete. Sie ging ihm entgegen, zuerst langsam, dann schneller. Als sie sich endlich trafen, umarmte sie ihn fest, presste sich an ihn, zitterte vor Kälte.
„Lass uns verschwinden“, sagte er und seine Stimme klang dabei nervös, gedrängt, fast ein wenig fremd. Er wollte so schnell wie möglich weg von diesem Ort, weg von diesem Erlebnis. Er war niemand, der Menschen absichtlich verletzen wollte. Eine leichte Übelkeit stieg in ihm auf, als die Anspannung und Angst etwas nachzulassen begann.
„Hast du die Diskette vom Lord?“, fragte Aksinja und hielt ihn immer noch an sich. Sie merkte, wie sehr ihn die Ausführung dieses Auftrags mitgenommen hatte, wollte ihn beruhigen.
„Ja. Ja… ich habe sie“, antwortete er leise und zwang sich zu einem Lächeln.
„Es wird alles gut, weißt du?“, sagte sie und versuchte so zuversichtlich wie möglich zu klingen. „Wir bringen das Ding jetzt zu ihm und dann bekommst du alle Informationen, die du brauchst.“ Sergej nickte und atmete ein weiteres Mal tief ein, atmete ihren lieblichen Duft und spürte die Wärme ihrer Umarmung, spürte ihre weiche Hand an seinem Gesicht. Dann nahm er ihre Hand und zog sie sanft mit sich und hinein in die nächste dunkle Gasse. Der Weg zum Lord war nicht allzu weit. Wenn sie sich beeilten, würden sie es in ungefähr einer Stunde zu seinem Unterschlupf schaffen. Dann würde er endlich erfahren, wofür er in die Stadt gekommen war. Die Wahrheit lag in greifbarer Nähe.


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