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Elysium Roman 6 – Kapitel 1: Sonnenuntergang


Seit der letzten Besprechung waren fast drei Wochen vergangen. Es war kostbare Zeit die ihnen zwischen den Fingern zerrann, denn sie wussten nicht wie viel ihnen davon noch bleiben würde. Artjom Gromow, der mächtige Cyborg des Projekts Lazarus, war auf dem Weg in den Süden, in Richtung Elysium. Wenn er die Stadt erst einmal erreicht haben würde, konnte dies zu einer größeren Katastrophe für deren Bewohner werden, als die mittlerweile größtenteils eingedämmte Bedrohung durch die Crawler. Natürlich war die TRAP-Agentur nicht untätig gewesen. Sie hatten diese Zeit für die Vorbereitungen ihres Plans gebraucht, wenngleich dies für alle Beteiligten kein leichtes Unterfangen gewesen war. In mehrerlei Hinsicht.
„Lass mich die Stelle nochmal sehen, ob auch wirklich alles gut verheilt ist“, meinte Yanny und linste hinüber zu Harry, der rechts von ihr Platz genommen hatte, während der aufkommende Wind mit ihren Haaren spielte. Die beiden hatten sich direkt auf dem Dach des Hauptquartiers niedergelassen, der ausladend großen und luxuriösen Villa am Nordstrand. Von dort aus beobachteten sie den Sonnenuntergang. Das Dach verfügte über einen eigenen Zugang und zusätzlich über ein rundes betoniertes Podest, das von seinen Ausmaßen nach zu urteilen vermutlich als Hubschrauberlandeplatz gedacht war. Der Vorbesitzer schien diese Möglichkeit jedoch nie genutzt zu haben. Harry lächelte nun, nahm aber den Blick nicht von dem gleißenden Licht, das den Meereshorizont in ein feuriges Orange färbte.
„Welche Stelle möchtest du sehen?“, fragte er nach. Tatsächlich war er sich nicht ganz sicher, ob sie seine sich langsam erholenden Rippen meinte oder das neue Implantat, das Yuri, Abigail und er sich bei Dr. Frank Stein einsetzen hatten lassen. Der Arzt war ihm seit dem letzten Besuch keinesfalls sympathischer geworden, aber immerhin verstand er sein Handwerk und hatte viel Übung in dem was er tat. Die Kosten für die Behandlungen hielten sich außerdem in Grenzen, wenn man nicht explizit nach einer staatlichen Zulassung fragte.
„Deinen Hinterkopf“, erklärte sie wie selbstverständlich und rutschte ein kleines Stückchen näher zu ihm heran. „Dein Brustkorb verheilt indes ziemlich gut, das kann ich an der Tiefe deiner Atemzüge ablesen. Allerdings musst du mich das Areal ebenfalls genauer untersuchen lassen. Du hast übrigens heute deine Kalziumtabletten nicht genommen. In der Packung in der Küche befinden sich immer noch 32 Stück, genau wie gestern Abe…“, fuhr sie fort.
„Yanny…“, unterbrach er sie und seufzte.
„Ja, was denn?“ Sie sah ihn mit erwartungsvollen Augen an und machte ein unschuldiges Gesicht. Zudem hob sie ihre Stimmlage leicht an um zu kaschieren, dass sie es schon wieder übertrieben hatte.
„Was haben wir über das permanente Scannen von Körperfunktionen besprochen?“, fragte er und zog die Brauen hoch. Sie wich ihm aus, wandte den Blick nun zurück auf die untergehende Sonne und begann mit einer Haarsträhne zu spielen, machte den Eindruck als würde sie vor einer Antwort erst noch überlegen müssen. Harry musste sich zusammennehmen, um nicht breit zu grinsen. Sie mimte diese leichte Unwissenheit recht gut, obwohl sie durch ihren internen Speicher die Gespräche von vor Monaten noch eins zu eins in genauem Wortlaut hätte wiedergeben können.
„Ich mache mir doch nur Sorgen“, antwortete sie dann leise und kräuselte weiter die lilafarbene Haarsträhne um ihren Zeigefinger. Beide schwiegen einige Momente. Ab und an drang das Geräusch von vorbeifahrenden Autos zu ihnen hoch und die Stimmen von Passanten. Viele von ihnen waren auf dem Weg zur Nordstrandpromenade, um sich in das beginnende Nachtleben zu stürzen.
„Ja, ich auch“, nickte Harry schließlich und seine Stimme nahm wieder einen ernsten Ton an. Der anstehende Plan würde letztendlich darauf hinauslaufen, dass Yanny früher oder später gegen den Cyborg aus den Nordstädten kämpfte. Er konnte sich nicht mit diesem Gedanken anfreunden, alles in ihm sträubte sich dagegen. Sie sah wieder zu ihm, streckte dann langsam ihre Hand aus und schob das schwarze Halstuch behutsam nach unten, das er trug um die frisch operierte Stelle und die dort abrasierten Haare zu kaschieren. Dann betastete sie vorsichtig das Genick nach oben hin zur Stelle an seinem Hinterkopf, an der nun ein Anschluss für ein Datenkabel implantiert war. Die Buchse war so klein wie ein Centstück und in zwei Monaten würden seine Haare den Bereich wieder vollkommen verdeckt haben. Durch die Sensoren in Yannys Fingerkuppen konnte sie die Temperatur seiner Haut genau bestimmen und ein kurzer Zoom ihrer Augen verriet ihr, dass alles vollständig verheilt war. Das Gewebe hatte sich einwandfrei mit dem Implantat verbunden, sowohl oberflächlich als auch in der Tiefe. Harry hatte während dieser kleinen Untersuchung regungslos dagesessen.
„Alles perfekt verheilt“, meinte sie dann. „Und du musst dir keine Sorgen machen, der Plan wird funktionieren. Ihr seid jetzt bereit, euch mit meinem Unterbewusstsein zu verbinden und die Sperre zu meinen Kampffertigkeiten zu entfernen. Der Rest wird ein Selbstläufer“, führte sie weiter aus. Allerdings klang sie dabei zwar zuversichtlich, aber nicht vollständig von der eigenen Aussage überzeugt. Wie auch, wenn man bedachte was dieser Gromow für ein Gegner war. Harry presste die Lippen aufeinander und atmete hörbar aus. Er verfluchte sich selbst dafür, dass ihm kein besserer Plan einfiel um diese Kampfmaschine aufzuhalten.
„Was ist, wenn es kein Selbstläufer wird? Was ist, wenn du verlierst? Wenn er dich beschädigt oder zerstört?“, erwiderte er.
„Dann macht ihr den Rest. Ich werde zumindest dafür sorgen, dass er keinen großen Schaden mehr anrichten kann. Vertrau mir“, gab sie zurück. Harrys Finger griffen nun hart in die Dachschindeln, auf denen er saß.
„Du sagst das so einfach, als ob es kein großes Problem darstellen würde wenn es tatsächlich dazu kommt“, antwortete er mit schärferem Ton, als er es gewollt hatte. Sie zuckte dabei etwas zusammen.
„Harry?“, erwiderte sie vorsichtig.
„Ja?“, gab er nach ein paar Momenten zurück.
„Stell dir mal vor, du hast einen Computer. So einen wie Abigail, diesen Laptop den sie immer mit sich herumträgt, seit Ralph ihn für sie bei Bonzo herausgehandelt hat. Sie hat mir die Geschichte schon erzählt.“
„Hmm… ja gut, okay, aber was hat das jetzt damit zu tun?“, sah Harry sie fragend an.
„Jetzt stell dir vor, du hast noch einen zweiten Computer, nimmst den Prozessor heraus und koppelst ihn mit dem ersten, damit er doppelt so viel Leistung hat, beziehungsweise mehr Dinge gleichzeitig berechnen kann“, fuhr sie fort. Harry nickte, blickte sie aber immer noch verständnislos an.
„Doppelt so viel…“, gab er wie ein Echo zurück.
„Und dann noch zwei weitere Prozessoren, damit du insgesamt vier hast und sich die Leistung vervierfacht.“
„Ähm, ja?“ Er hatte immer noch keinen blassen Schimmer, worauf sie eigentlich hinauswollte.
„Und jetzt stell dir vor, du hast einhundert solcher Prozessoren… und dann eintausend. Du koppelst alle aneinander und bekommst eine unvorstellbar starke Rechenleistung… Harry?“, ihre Stimme hatte einen ungewohnten Ausdruck angenommen, den er so von ihr nicht kannte. Er sah ihr offen in die Augen. Sie waren bezaubernd schön und doch konnte er nicht in ihnen lesen. Er vermutete, dass sie es zu verhindern versuchte, indem sie die Reaktion ihrer Pupillen unterdrückte.
„Ja?“, fragte er dann leise zurück.
„Sag mir, wie viele Prozessoren musst du miteinander verbinden, dass aus ihnen irgendwann ein Mensch wird? Wieviel Rechenleistung brauchst du dafür?“ Harry verzog aufgrund dieser Aussage das Gesicht etwas und schüttelte den Kopf.
„Darum geht es also? Du meinst, weil du kein Mensch bist ist es nicht so schlimm, wenn du bei der Ausführung dieser Aktion vielleicht sogar vernichtet werden würdest? Ist es nicht so? Weil du kein organisches >Leben< hast, das du verlieren könntest?“ Wieder war sein Ton schärfer als er eigentlich wollte. Dann geschah jedoch etwas Unerwartetes. Sie ließ langsam den Kopf sinken und zwei Tränen liefen ihre Wangen hinab. Harry war im ersten Moment perplex. Er wusste, dass sie zu allen körperlichen Reaktionen fähig war, hatte sie aber niemals weinen sehen. Er zog sein Halstuch ab und tupfte ihr ganz vorsichtig und sanft die Wangen trocken. „Tut mir leid, ich kann das nicht so richtig steuern. Das mit den Emotionen ist…“, begann sie sich zu rechtfertigen. Harry schüttelte wieder nur sachte den Kopf und ließ das Tuch langsam sinken. „Was würdest du denn tun wenn ich sterbe? Bisher ist ja immer noch alles gut gegangen, trotzdem haben wir mit dieser Agentur keinen ungefährlichen Job. Dafür haben wir uns entschieden und wir haben schon jetzt mehr gewonnen, als wir jemals zu träumen gewagt hatten. Dennoch könnte es irgendwann passieren, nicht wahr? Wie wäre es also für dich, wenn ich sterbe? Oder Abigail? Yuri? Ralph?“ „Ich weiß nicht was ich machen würde, wenn du stirbst. Es wäre schrecklich, es ist das Furchtbarste was ich mir vorstellen kann“, erwiderte sie kleinlaut. „Dann weißt du jetzt auch, wie es mir gehen würde. Wieso glaubst du, dass es für mich anders wäre wenn dir etwas passiert? Es ist mir dabei völlig egal ob du ein Mensch bist oder nicht. Ich mag zwar nicht gänzlich verstehen wie du gebaut wurdest und als Person entstanden bist, aber das tut nichts zur Sache. Du existiert, du sitzt hier neben mir… du >lebst<. Und ich bin der festen Überzeugung, wenn es mehr wie dich gäbe wäre die Welt ein besserer Ort. Mir ist nie eine freundlichere und hilfsbereitere Person begegnet“, erklärte er nun ruhig. Sie errötete und nickte schließlich kaum merklich. Er lächelte sie an, betrachtete sie. Sie wich seinem Blick nicht mehr aus, war ihm immer noch nahe. Mit einem Mal merkte er, wie schnell sein Herz zu schlagen begann. Ein Gefühl als würde er sich selbst in ihrem Blick verlieren, als hätte er einen dicken Klos im Hals. Was war das nur? Es kam manchmal in den selteneren Momenten, in denen sie beide alleine waren. Waren es ihre Augen, die nun plötzlich wieder den gewohnten warmen und weichen Ausdruck angenommen hatten? War es ihre Erscheinung, die gleichzeitig so anziehend und doch so verletzlich wirkte? Konnte es wirklich sein, dass…? Er wollte sie am liebsten vor allem Übel dieser Welt beschützen, so lange es ihm irgend möglich war. Aber wie lange würde es ihm wirklich möglich sein? Aufgrund ihrer Beschaffenheit war sie theoretisch dazu fähig, problemlos hunderte von Jahre zu existieren… auch dessen war er sich bewusst. Diese Gedanken und Gefühle trug er schon seit einiger Zeit mit sich herum, ohne jedoch für diese verworrenen Empfindungen eine klare Antwort zu finden. Er musste sich eingestehen, dass er nicht der Beste war wenn es um Gefühle ging. Hatte er sie doch bisher bei seinem Beruf immer so weit wie möglich unterdrücken müssen um in gefährlichen Situationen einen klaren Kopf bewahren zu können, wenngleich ihm dies nicht jedes Mal gelungen war. „Ich denke ich verstehe jetzt“, antwortete Yanny schließlich leise. Dann rutschte sie noch ein Stückchen näher, sodass sich ihre Oberarme berührten. Als erneut eine leichte Brise aufkam, spürte er ihre Hand auf der seinen, die immer noch auf einem der breiten Dachziegel abgestützt war. Er wollte etwas sagen doch sein Mund wurde trocken, als sie zärtlich ihre Finger über seinen Handrücken gleiten ließ. „Yanny…“, krächzte er mit gedämpfter Stimme. „Weißt du, dass wir uns eigentlich immer nur berühren, wenn wir uns gegenseitig reparieren?“, gab sie ebenso leise zurück, dabei umspielte ein Lächeln ihre Lippen. „Ist dir das schon mal aufgefallen?“ Er musste sich konzentrieren um überhaupt auf ihre unerwartete Frage antworten zu können. „Wenn ich so zurückdenke, ja, du hast recht“, erwiderte er. Er hatte ihr damals auf der Sea Lord die Kugel aus dem Bauchraum entfernt, die sie bis hin zur Wirbelsäule durchschlagen hatte. Yanny hingegen hatte sich immer wieder um seine gebrochenen Rippen und andere Verletzungen gekümmert. „Nur einmal hast du meine Hand genommen, auf dem Schiff, um mich von diesem schnüffelnden Ringansager fortzuziehen“, fuhr sie fort. Er nickte und schmunzelte. Dann drehte er seine Hand und nahm die ihre, ließ seine Finger in die ihren gleiten, hielt sie behutsam. „Du erinnerst dich an dieses kleine Detail?“ „Selbstverständlich“, entgegnete sie und schürzte die Lippen. „Ich kann dir das Datum und die genaue Uhrzeit dazu nennen, habe es abgespeichert. Wichtige Ereignisse speichere ich für immer in meinem Archiv.“ Sein Herz schlug noch ein Stück schneller und er war sich bewusst, dass es nahezu unmöglich war, dass sie dies nicht mitbekam. Diese Berührung, diese kurze Geste war für sie so wichtig gewesen, dass sie sie für immer in ihrem Gedächtnis verankert hatte… Bestünde vielleicht wirklich die Möglichkeit, dass…? „Mist verdammter, ick dreh hier noch durch!“, polterte die laute Stimme von Ralph mit einem mal von unten zu ihnen hinauf. Dann war ein Krachen und weitere zornige Laute zu hören. „Nanu?“, sagte Yanny und erhob sich, um auf dem Dach weiter vor zu gehen und nach unten sehen zu können. Harry grunzte unzufrieden. Warum mussten sie gerade in diesem Moment gestört werden? Was war jetzt schon wieder los? Er stand ebenfalls auf und ging vorsichtig nach vorne. Ralph stand unten und trat ein weiteres Mal gegen die Stoßstange des Agenturwagens, dessen Motorhaube geöffnet war. „Was ist denn los?“, rief Harry nach unten. Ralph, der erstaunt nach oben schaute und die beiden auf dem Dach entdeckte, winkte ihnen daraufhin kurz zu. „Ach ick wees ooch nich wat die Karre hat. Aber jerade jetzt, wo ick noch schnell Einkaufen fahren wollte. Heute sind doch im Viertel verkürzte Öffnungszeiten und jetzt verreckt mir die Mistschaukel!“, fluchte er. „Ich kann es mir gleich mal ansehen“, gab Yanny zurück. Es gab keinen Zweifel daran, dass sie den Fehler finden würde, da sie naturgemäß einen guten Blick für mechanische Dinge hatte. Das wusste Ralph natürlich auch. „Ja gerne Madame. Okay, dann nehme ich stattdessen einfach den Rasenmäher. Dauert zwar etwas länger, ist aber besser als zu Fuß laufen“, grölte der alte Punk erleichtert zurück. Er kannte seinen Wagen zwar in- und auswendig, dennoch war er froh um ihre Hilfe. „Den Rasenmäher?!“, fragte Harry etwas ungläubig. Auf die Frage hin ertönte Ralphs meckerndes Lachen während er in Richtung seines Aufsitzmähers stapfte, den er an der Ostseite des Gartenzauns abgestellt hatte. Er liebte dieses Ding und der Rasen der Villa sah durch seine ausgiebige Benutzung aus wie aus dem Ei gepellt. „Na klar!“, blökte es von unten. Dann sprang er auf den Mäher und ließ den Motor an. Dröhnendes Knattern erfüllte die romantische abendliche Stille, als Ralph mit dem zweckentfremdeten Gefährt in Richtung Tor walzte und dann im Schrittempo und mit einem lauten >Yippie< auf die Straße einbog.
„Das gibt wieder einen bösen Brief von den Nachbarn“, seufzte Harry und rieb sich den Nasenrücken.
„Kein Problem, ich habe schon einen Ordner angelegt um sie alle zu sammeln. Waren doch einige in letzter Zeit“, kicherte Yanny und ging dann langsam Richtung Dachluke. „Ich schaue mir den Motor an. Kann ja sein, dass wir den Wagen schnell brauchen, so etwas sollte man nicht auf die lange Bank schieben“, erklärte sie dann pflichtbewusst. Sie liebte es, sich nützlich machen zu können.
„Mhja“, antwortete Harry leicht säuerlich. Er sah ihr nach, als sie langsam in der Luke verschwand. Dann tauchte noch einmal kurz ihr Kopf auf und sie lächelte ihn an, um sogleich wieder zu verschwinden. Das brachte ihn nun doch zum Lachen. Dann trottete er ebenfalls zur Luke. Schön langsam meldete sich sein Magen. Es war Zeit, Abendessen vorzubereiten.


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