Elysium Roman 7 – Kapitel 1: Im Keller
December 29, 2023
Wenn du es aufschiebst,
versäumst du das Leben.
Lucius Annaeus Seneca
Will Morgan war in einer eleganten und gepanzerten Limousine mit kugelsicheren Scheiben unterwegs ins Büro, starrte ungeduldig auf der Rückbank sitzend aus dem Seitenfenster und überlegte. Dabei rückte er sein Monokel zurecht, das heute nicht so richtig zu sitzen schien. Eine unangezündete Zigarette hing ihm im rechten Mundwinkel. Rauchen in Dienstwägen war verboten und er hielt sich daran, wenngleich er es sich in seiner Stellung ohne weiteres hätte leisten können, diese Vorgabe zu missachten. Er fühlte sich einfach besser, wenn er den Glimmstängel zumindest schon einmal im Mund hatte. Der Verkehr war dicht wie immer und durch zwei Unfälle auf der Strecke hatte sich bereits eine halbe Stunde Verspätung angesammelt. Seit seiner Beförderung zum Polizeipräsidenten von ganz Elysium hatte Morgan Anspruch auf allerlei Privilegien, die für ihn – einen durch und durch pragmatischen Staatsdiener – immer noch gewöhnungsbedürftig waren. In diesem Wagen fühlte er sich mehr wie ein Politiker oder Prominenter als ein Beamter und er war sich nicht sicher, ob ihm die damit verbundene Aufmerksamkeit wirklich gefiel. Allerdings gab es zu den Sicherheitsmaßnahmen keine Alternative. Er war es als Leiter der Mordkommission gewohnt gewesen im Hintergrund zu agieren, hatte es sogar geschafft in all den Jahren nicht ein einziges Fernsehinterview geben zu müssen, obwohl sich die Anfragen dazu gehäuft hatten. Das würde in Zukunft anders werden, es gab kein Entkommen mehr für ihn. Er würde sein Gesicht in die Kamera halten müssen. Sein Vorgänger war oft von einer Talkshow in die nächste gepurzelt, hatte es geliebt große Reden zu schwingen und sich selbst darzustellen. Er hatte sich von den oft staatlich subventionierten Privatsendern als Experte feiern lassen, an Sachverstand und Leistung hatte es allerdings weit gefehlt. Dieser sogenannte Experte hatte den Umstand mit zu verantworten, dass sich die Polizeieinheiten in ganze Stadtteile kaum mehr hineinwagten. In der Nordstadt herrschte größtenteils Anarchie und der Wilde Westen war in der Hand von zahlreichen Gangs, die sich das Gebiet nach brutalen Auseinandersetzungen aufgeteilt hatten. Die Kriminalitätsrate im Industrieviertel im Süden wuchs seit der Crawlerkrise stetig an und die Polizei verlor dort mehr und mehr an Boden. Immerhin war die Lage in den U-Bahn-Stationen wieder einigermaßen beruhigt. Will Morgan war fest dazu entschlossen, das Ruder herumzureißen. Die Lage sah nicht rosig aus, aber es gab immer noch Hoffnung. Er würde nicht zulassen, dass Elysium das gleiche Schicksal ereilte wie Brightland. In dieser ebenfalls durch die amerikanische Kultur dominierten Stadt auf dem zweitgrößten Kontinent des Planeten war die Regierung vor fast 15 Jahren von einem Gangsterboss abgesetzt worden, der im Hintergrund von einem großen IT-Unternehmen finanziert worden war. Er nannte sich seitdem >der Commandante< und wollte man mit der Stadt verhandeln, kam man an diesem Verbrecher nicht mehr vorbei. In Brightland gab es keine staatliche Ordnung mehr, keine Wahlen, keine Rechte oder Rechtsprechung, keine Demokratie… was war an diesem Ort noch amerikanisch, der den Freiheitsgedanken und das Recht auf Selbstbestimmung vollends verloren hatte? Morgan war sich selbstverständlich bewusst, dass Elysium unendlich viele Probleme hatte, aber verglichen mit Brightland war es der reinste Kurort. Er musste dafür sorgen, dass Recht und Gesetz überall in der Stadt wieder Durchsetzung fanden. Leider standen ihm hierfür nur vergleichsweise beschränkte Mittel zur Verfügung.
Rick, sein neuer Fahrer, war heute äußerst gut gelaunt und summte unentwegt vor sich hin, hatte trotz des Höllenverkehrs der auf den Straßen herrschte ein breites Grinsen im Gesicht. Es musste etwas mit seiner neuen Bekanntschaft zu tun haben, dem Mädchen, das Rick vor kurzem in einem Nachtklub im Zentrum kennengelernt hatte. Mit einem Mal klingelte es aus Morgans Aktenkoffer. Er öffnete ihn, nahm das große Mobiltelefon heraus, zog die Antenne aus und nahm den Anruf entgegen.
„Morgan“, meldete er sich knapp.
„Herr Polizeipräsident, McCullen hier. Heute Nacht hat es einen größeren Vorfall am Stadtrand des Industrieviertels gegeben. Die Presse ist natürlich auch bereits da. Entweder wir haben einen Maulwurf von denen in der Truppe oder die Aasgeier haben schon wieder eine Möglichkeit gefunden unseren Funk abzuhören“, knirschte es mit schlechter Verbindung aus dem Hörer.
„Vorfall? Was für einen Vorfall? Und wo genau?“, fragte Morgan nach und verzog das Gesicht. Er hatte mittlerweile eine Allergie gegen das Wort >Vorfall< entwickelt, denn es bedeutete nie etwas Gutes.
„Produktionsstätte von Safecorp, dem Unternehmen, das die kugel- und stichsicheren Westen für die Polizei und diverse Sicherheitsunternehmen herstellt. Gleich bei der U-Bahn-Station Down Under. Wir konnten bereits die Aufzeichnungen der Überwachungskameras auswerten. Um circa null-zweihundert hat ein Mann die Nachtwächter am Haupteingang erschossen und sich dann Zugang zu dem Gelände verschafft. Er hat dabei mit bloßen Händen die Absperrkette weggerissen und anschließend auch noch alle anderen Wächter erschossen, die sich ihm in den Weg gestellt haben. Insgesamt haben wir bis jetzt zwölf Tote geborgen, Zahl steigend. Anschließend hat er die Produktionsmaschinen mit Brandsätzen zerstört. Die Feuerwehr arbeitet immer noch daran. Bisher ist nicht bekannt welchen Zündstoff er für den Anschlag verwendet hat, aber das Zeug hört einfach nicht auf zu brennen“, erklärte McCullen aufgeregt. Morgan stutzte. Was hatte er da eben gehört?
„Ein einzelner Mann soll das gemacht haben? Wie ist das möglich?“, unterbrach er seinen Mitarbeiter.
„Das ist uns alles völlig unerklärlich. Er hatte ein vollautomatisches Maschinengewehr und zwei Pistolen bei sich. Außerdem war er maskiert, ein Gesicht zu dem Täter haben wir also nicht. Auffällig ist jedoch seine enorme Körpergröße, er hat alle Wächter mehr als um Haupteslänge überragt. Und… also das klingt vielleicht ziemlich irre, aber wenn ich es nicht selbst auf den Aufzeichnungen gesehen hätte…“, McCullen zögerte.
„Ja? Raus damit, ich will alle Informationen!“, drängte Morgan. Er hasste diese Art von Meldungen noch vor dem ersten Kaffee. Die Zigarette wippte nervös in seinem Mund.
„Die Wächter haben auf den Mann geschossen aber er war dadurch nicht zu stoppen. Der Eindringling hat nicht mal einen Tropfen Blut verloren. Die haben mit aller Gewalt versucht ihn aufzuhalten, er hat bei jedem Treffer nur ein wenig gezuckt und ist dann weitermarschiert. Er muss irgendeine Rüstung unter der Kleidung getragen haben, die uns bisher unbekannt ist“, fuhr McCullen weiter fort. Morgan überlegte und antwortete dann in nachdrücklichem Tonfall.
„Die Presse darf die Aufzeichnungen der Kameras auf keinen Fall in die Hände bekommen, haben wir uns da klar verstanden? Ich möchte so schnell wie möglich einen ausführlichen Bericht mit allen Fakten über den Vorfall in meinem Büro. Sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“
„Der Mann hat eine schwarze Uniform ohne Hoheitsabzeichen getragen. Bisher liegen uns keine Informationen darüber vor, woher sie stammen könnte“, schloss McCullen ab.
„Danke, wir sehen uns dann später“, beendete Morgan das Gespräch.
„Ärger?“, fragte Rick interessiert. Er hatte nur Bruchstücke des Gesprächs mitbekommen, weil er sich auf den Verkehr hatte konzentrieren müssen. Der Fahrer bog soeben in die Tiefgarage des Polizeipräsidiums ein und steuerte nun den reservierten Parkplatz an.
„Ja, und davon eine Menge“, seufzte Morgan.
Einem schönen und sonnigen Tag folgte eine warme Sommernacht. Mittlerweile waren drei Tage vergangen, seit die von Yanny während ihrer Entstehung selbst installierte Verschlüsselung ihrer Kampffertigkeiten durch Abigail in einer tiefer liegenden Schicht ihres Unterbewusstseins entfernt worden war. Der Cyborg fühlte sich seitdem schlecht. Die Nächte hatte sie früher gewöhnlich genutzt um Bücher und Magazine zu lesen, ihre Medizinkenntnisse zu verbessern, Fernsehen zu schauen, Haushalt zu machen oder kleinere Reparaturen am Haus oder an technischen Geräten durchzuführen. Es hatte gewisse Vorteile nicht schlafen zu müssen. Jetzt kam es ihr allerdings vor wie ein Fluch. Sie hätte vorgeben können zu schlafen, aber sie konnte sich nicht selbst betrügen. Der ursprüngliche Zweck für den sie erschaffen worden war verhinderte es, ihre Körperfunktionen wenigstens für einen gewissen Zeitraum vollkommen stillzulegen und ihre Gedanken auszuschalten, wenn sie nicht ernsthaft beschädigt war. Und wenn Gefahr drohte – so wie jetzt – war selbst ein vorübergehender Standby-Zustand ohnehin unmöglich. Sie war zum Wachsein verdammt und sie hatte Angst. Angst vor dem was kommen würde aber auch Angst vor sich selbst. Mit der Entschlüsselung ihrer Kampffertigkeiten war sie ein großes Stück mehr zu dem geworden, was sie eigentlich hätte sein sollen. Sie würde damit leben können, aber es gefiel ihr nicht. Es war nach wie vor die einzige Möglichkeit die ihr blieb, es gab keinen anderen Ausweg.
Mit diesen Gedanken lud sie den schweren silbernen Revolver mit dem großen Kaliber durch. Fünf Patronen lagen vor ihr: Trommel öffnen, Patronen einstecken, Trommel schließen, Sicherung entfernen. Für den Vorgang benötigte Zeit: 3,5 Sekunden. Der vollautomatische Schießstand im Keller der Villa begann sein Trainingsprogramm abzuspulen. Die Pappkameraden bewegten sich auf höchster Schwierigkeitsstufe schnell und in ruckartigen, unvorhersehbaren Bewegungen. Distanz 15 Meter und 2,2 Zentimeter, der Messfehler beim Hausbau war ihr nicht entgangen. Ihre reaktivierte Zielvorrichtung lieferte ihr sämtliche Daten der sich bewegenden Ziele in Echtzeit. Sie legte an. Ein durchschnittlich trainierter Mann hätte diese massige Waffe mit dem überlangen Lauf durchaus nicht so ohne weiteres mit ausgestrecktem Arm lange ruhig halten können. Selbst Yuri nahm beim Schießen mit diesem Stück die zweite Hand als Unterstützung zu Hilfe, denn der Rückstoß war enorm. Yanny zitterte nicht. Sie hatte keinen Herzschlag, keinen Atem und keine Muskelkontraktionen, die diesen Bewegungsablauf hätten stören können. Das Gewicht spürte sie zwar, es war aber zu gering um beeinträchtigend zu wirken. Ihr virtuelles Fadenkreuz fixierte das Ziel. Sie drückte den Abzug und ein donnernder Schuss löste sich. Der Rückstoss wurde zu 99,99 Prozent abgefangen. Der Kopf des mittleren Pappkameraden wurde durch die Wucht des Aufpralls der kreuzförmig eingefeilten Kugel komplett zerfetzt. Die Schadenanalyse ergab 99,985 Prozent Zerstörung am Ziel. Am Hals der Figur war noch ein winziges Stückchen des Kopfes übrig. Die folgenden vier Schüsse auf die Köpfe der anderen Ziele erhöhten den Durchschnitt des insgesamt erzielten Schadens auf 99,992 Prozent. Sie ließ den Arm mit der Waffe sinken und schüttelte kaum merklich den Kopf. Wie umfangreich und kompliziert war doch das Feld der Medizin. Wie viel Energie, Hingabe und Wissen bedurfte es jemanden zu heilen. Wie leicht war es im Gegensatz dazu einen Menschen zu verletzen oder zu töten? Wie wenig Leistung bedurfte es zu vernichten.
„Es tut mir leid Abigail, ich hoffe ich habe dich nicht durch den Lärm aufgeweckt? Ich dachte der Raum wäre genügend schallisoliert, damit nichts bis oben in die Schlafräume durchdringen kann?“, sagte Yanny dann ohne sich dabei umzudrehen. Die Computerspezialistin, die sich von hinten angeschlichen und durch den noch offenen Spalt der Türe gelinst hatte, war im ersten Moment erschrocken. Dann erinnerte sie sich schnell daran, dass Yanny ihr berichtet hatte, die Entfernung der Verschlüsselung würde weitreichendere Auswirkungen auf ihre Sinne haben. Ihre Sensoren verbrauchten nun durch einen permanenten Alarmzustand ein Vielfaches mehr an Energie und Prozessorkapazität. Kapazität, die ihr für eine weitere Entwicklung menschlicher Verhaltensweisen fehlen würden. Sie hatte Abigails Kommen trotz des Lärms der Schüsse deutlich wahrgenommen, indem sie das Muster der sich nähernden Schrittfolge, den Herzschlag und den Atem analysiert hatte. An das Versprechen die Körperfunktionen ihrer Familie, der anderen TRAP-Agenten, nicht mehr zu scannen, konnte sie sich nun nicht mehr halten. Aus dem auf den Boden gerichteten Lauf des Revolvers dampfte immer noch dünner weißer Rauch und umspielte Yannys Hand. Abigail öffnete die Türe weiter, schlüpfte in den Raum und zog sie hinter sich wieder zu.
„Das… das war unglaublich! Und nein, du hast mich nicht aufgeweckt. Ich konnte sowieso nicht schlafen. Hab mir ein Glas Milch geholt und bin durchs Haus spaziert, als ich dann hier unten noch Licht gesehen habe“, erklärte Abigail. Yanny nickte und versuchte sich in einem Lächeln, was ihr aber nicht so recht zu gelingen schien. Das schwarze, bauchfreie Tanktop mit dem neonpinken TRAP-Agentur-Aufdruck und dem kurzen schwarzen Rock in Verbindung mit der übergroßen, qualmenden Waffe in ihrer Hand hatte etwas absolut Verwegenes. Abigail kaute auf ihrer Unterlippe und überlegte, löste aber dann ihren Blick und schaute erneut zu den zerstörten Pappkameraden.
„Ich glaube du musst dir keine großen Sorgen mehr machen. Du funktionierst perfekt. Dein >Bruder< mag dir vielleicht körperlich überlegen sein aber du wirst ihn bereits kampfunfähig geschossen haben, bevor er überhaupt nur in deine Nähe kommen kann.“ Yanny legte die Waffe auf den Tisch neben sich, zögerte dann einen Moment mit ihrer Antwort und sah zu Boden.
„Ja“, gab sie nur zurück. Es folgte ein betretenes Schweigen und Abigail räusperte sich, während der Cyborg regungslos dastand und keine weitere Mimik zeigte.
„Yanny?“, fragte Abigail nach.
„Äh… ja?“, gab die Angesprochene zurück. Abigail hielt sich selbst im zwischenmenschlichen Umgang nicht für besonders gut aber sie bemerkte deutlich, dass Yanny ihre Aussage – dieses zaghafte Ja – nicht ernst meinte.
„Kannst du mir eine ehrliche Einschätzung geben?“, forderte sie dann ihr Gegenüber auf.
„Ich bin eine Assassine-Einheit. Ich wurde dazu gebaut unter Menschen nicht aufzufallen, schnell zu sein, Barrieren zu überwinden, Schleichmissionen durchzuführen und menschliche Ziele auszuschalten. Ich wurde nicht dafür gebaut gegen schweres Kriegsgerät direkt im Fronteinsatz zu kämpfen.“
„Wie hoch sind denn genau die Chancen, dass du diesen Lazarus reibungslos ausschalten kannst? Artjom Gromow war sein echter Name, nicht wahr? Gib mir doch mal eine Zahl“, hakte Abigail nach. Yanny zögerte nun etwas länger.
„Mein Bruder wurde für Einsätze wie eben diese Schlacht der Nordstadttruppen an der japanischen Front im Nordosten konzipiert…“, erklärte sie weiter und sah Abigail dabei nicht in die Augen.
„Yanny!“, wurde diese daraufhin ein ganzes Stück lauter.
„Ja?“, kam eine geflüsterte Antwort zurück.
„Wie hoch sind die Chancen, dass du ihn besiegst und zwar, ohne dass du dabei größeren Schaden nimmst?“ In Yannys Kopf schien es zu arbeiten.
„Übrigens, morgen sollten wir unbedingt nochmal vorher Einkaufen gehen. In der Zeitung gab es einige interessante Coupons und eine Werbung für…“
„Yanny!!!“ Abigails Stimme überschlug sich. Sie schwankte zwischen Ungeduld und Sorge. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Sie versuchte sich wieder zu beruhigen und knetete nervös ihre Hände.
„Wie hoch sind die Chancen, dass du überlebst?“ Jedes Wort war überdeutlich betont, als würde man einem Kind das Sprechen beibringen. Der Cyborg sah zu ihr auf, sah sie aus großen, traurigen Augen an.
„Meine Überlebenschancen bei einer direkten Konfrontation im Nahkampf liegen bei etwa 2,3 Prozent.“ Abigail setzte zu einer Erwiderung an aber Mund blieb ihr kurz offen stehen. Sie musste sich erst sammeln und diese Information verdauen.
„Du willst doch nicht etwa sagen, wir haben die ganze Sache auf uns genommen um dir eine Chance von 2,3 Prozent zu ermöglichen, Artjom zu besiegen?!“
„Wir haben das doch alles bereits durchgesprochen. Du hast den Bericht in den Nachrichten heute morgen über den Anschlag im Industrieviertel auch gesehen. Das war nur ein erster Test von ihm, mehr nicht. Er wärmt sich gerade erst für die wichtigen Ziele in der Stadt auf. Es hat begonnen. Mehr Leute werden sterben wenn ich nicht kämpfe. Sehr viele Leute. Vielleicht auch ihr. Ich kann nicht anders, ich muss diese Möglichkeit nutzen und wenn sie noch so klein ist.“ Die Computerspezialistin fühlte sich mit einem mal hilf- und kraftlos. Ein kalter Klammergriff hatte sich um ihr Herz gelegt. Sie hatte Yanny in all der Zeit lieb gewonnen und wollte sich nicht vorstellen wie es wäre, wenn ihr etwas zustoßen würde. Seit dem Moment, als sie das Mädchen aus der Fabrik gerettet hatten war klar gewesen, dass sie einer Auslieferung an ihren Auftraggeber niemals zugestimmt hätten. Für Abigail war Yanny inzwischen wie die Schwester, die sie nie gehabt hatte.
„Das ist Selbstmord“, krächzte sie mit belegter Stimme.
„Aby, du darfst es den anderen nicht sagen. Besonders nicht Harry. Du darfst auf keinen Fall erwähnen wie gering meine Chance ist“, flüsterte der Cyborg.
„Weil sie dich sonst nicht gehen lassen.“
„Ja.“
„Und warum meinst du, dass ich dich gehen lassen werde?“ Yanny sah ihr daraufhin offen in die Augen.
„Weil du weißt, dass ich recht habe.“ Ihre Stimme zitterte bei diesen Worten. Abigail schüttelte hingegen nur den Kopf. Sie wollte das alles so nicht hinnehmen, es konnte nicht der Weisheit letzter Schluss sein. In ihr gewann eine verzweifelte Entschlossenheit die Oberhand. Sie trat einen Schritt näher an Yanny heran und beugte sich zu ihr, um ihr auf gleicher Höhe direkt in die Augen sehen zu können. Dann streichelte sie langsam mit der rechten Hand über Yannys Kopf und ließ sie auf ihrer Wange ruhen.
„Glaubst du im Ernst, dass ich dabei zusehen werde wie du dich von diesem Killer abschlachten lässt? Was meinst du soll ich währenddessen machen? Ein paar Socken stricken und auf die 2,3 Prozent hoffen? Meinst du vielleicht die anderen werden hier einfach so still herumsitzen und darauf warten, dass wir deine Einzelteile irgendwo aufsammeln dürfen?“
„Aby, nochmal: bitte sag den anderen nichts davon, es ist gefährlich und… viel gefährlicher als alles was ihr bisher…“, setzte Yanny zu einer Erwiderung an.
„Nichts da, kommt überhaupt nicht in Frage junge Dame! Was können wir tun? Es muss doch irgendetwas geben, das hilfreich sein könnte? Irgendetwas, das wir tun können um dich bei dem Kampf zu unterstützen. Raus damit!“ Yannys Augen wurden feucht. Diese verdammten Augen, nicht einmal jetzt hatte sie die Dinger unter Kontrolle.
„Also… ähm…“, erwiderte sie stotternd und ging langsam rückwärts, während Abigail sie mit entschlossenem Blick und einem kalten Lächeln in die Ecke des Raums drängte, ihr dabei mit ausgestreckten Zeigefingern sanft in den Bauch pikste.
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