Elysium Roman 7 – Kapitel 2: Du bist nicht allein
January 12, 2024
Yanny stellte kommentarlos das Plüsch-Lama auf den großen Tisch des Besprechungsraums, das ihr Abigail vor ein paar Wochen geschenkt hatte. Die versammelte Runde sah sie daraufhin fragend an. Bei dem Ernst der Lage hatte keiner erwartet, dass sie dieses Stofftier ins Meeting mitbringen würde.
„Muss es noch Gassi geführt werden?“, fragte Ralph mit einem breiten Grinsen. Yanny lächelte, antwortete aber nicht darauf und schnippte nur mit den Fingern.
„Lama rechts“, befahl sie dann ihrem Stofftier. Zur großen Überraschung der anderen begannen sich die kleinen Beine zu bewegen und das Lama dreht sich tatsächlich nach rechts. Yuri, der gerade dabei gewesen war an seiner Cola zu trinken, schloss seinen Mund langsam wieder und stellte den Becher vor sich ab.
„Lama links“, orderte sie, das Lama folgte ohne zu zögern und drehte sich nach links.
„Lama spring.“ Das Lama hopste daraufhin einen kleinen Satz nach vorne, wobei der Bewegungsablauf reichlich unbeholfen aussah. Das künstliche Tierchen geriet bei der Landung ins Wanken, konnte sein Gleichgewicht aber wiedergewinnen und schaffte es ein Umfallen zu verhindern.
„Faszinierend“, stellte Harry ehrlich beeindruckt fest. Alle starrten das Stofftier an, niemand hatte mit einer solchen Einleitung gerechnet.
„Ich nur wünschte, Anton würde auch so gut folgen“, meinte Yuri und schaute leicht vorwurfsvoll hinüber zu seinem Hund, der zusammengerollt auf einem Sessel unter dem Fenster schlief und leise schnarchte. In letzter Zeit hatte er ein kleines Bäuchlein angesetzt. Anton residierte wie ein kleiner Hundekönig in der Villa, seitdem ihn die Agenten aus dem Käfig in den U-Bahn-Schächten befreit hatten und er damit dem sicheren Tod einer radioaktiven Verstrahlung entkommen war.
„Das ist noch nicht alles” kicherte Yanny, die für diesen Moment alle Sorgen vergessen zu haben schien und tätschelte den Kopf des Lamas, das aufmerksam auf ihre nächsten Anweisungen zu warten schien.
„Wat kommt jetzt?“, stieß Ralph hervor und schob sich dann ein paar Erdnüsse aus der Plastikschüssel in den Mund, die bei jeder Besprechung stets gut gefüllt auf dem Tisch stand.
„Lama tanz“, befahl Yanny und das Lama begann zu tanzen, indem es seine kurzen Beinchen herumwirbelte und mit dem Hintern wackelte, während sein Gesichtsausdruck die stoische Ernsthaftigkeit mit dem leichten Silberblick beibehielt. Alle lachten – auch Abigail – wobei sie sich fragte ob Yanny bei der Programmierung nicht zu viel Zeit für diese kleinen >Extras< verschwendet hatte. Allerdings war das hier dann doch eine willkommene Auflockerung, bevor sie zum unangenehmen Teil kommen würden. Sie nahm einen ordentlichen Schluck aus ihrem Whiskeyglas zur Beruhigung, ein bewährtes Hausmittel, das sie sich von Ralph abgeschaut hatte. „Lama sing!“, kam der nächste Befehl. Das Stofftier tanzte mittlerweile in rhythmischen Sambabewegungen weiter und begann plötzlich laut und deutlich wie eine Kuh zu muhen. Abigail prustete los und musste so laut lachen, dass ihr der Whiskeyschluck den sie noch im Mund hatte, zur Nase herausschoss. „Yanny, verdammt… Lamas muhen doch nicht!“, presste sie hilflos kichernd hervor, während sie ein Taschentuch aus der Tischschublade fischte und sich damit die brennende Nase putzte. „Tun sie doch!“, sagte Yanny mit einem leicht beleidigten Unterton und warf ihr einen unsicheren Blick zu. „Oder… oder etwa nicht?“ „Nein, tun sie nicht“, bekräftigte Abigail schnäuzend. Yanny rieb sich das Kinn und überlegte, in ihren Datenbanken waren keine Informationen dazu vorhanden. „Aber welche Laute machen sie dann?“ “Ick hab mal eins jefressen, aber jehört hab ick auch noch keines”, erklärte Ralph schmatzend und schob sich wieder eine handvoll Nüsse in den Mund. „Bitte was?“, fragte Harry nach. „Dat Vieh ist aus dem Zoo von Elysium abjehauen und hatte sich bis in die Nordstadt verirrt, alte Jeschichte… erzähl’ ick mal wann anders. War auf jeden Fall ein bisschen zäh“, winkte Ralph ab und lachte meckernd. “Die… naja, Lamas summen eben… und wiehern irgendwie. Aber nicht so wie Pferde…”, versuchte Abigail sich an einer Erklärung. Ratlose Blicke richteten sich auf sie. „Summen? Wiehern?“ Abigail errötete leicht während sie versuchte, sich mit einem zweiten Taschentuch die Hosenbeine trocken zu reiben. „Warum schaut ihr mich jetzt so an? Das ist absolut schwer zu beschreiben. Die summen eben wie… wie Lamas.“ „Und meines muht!“, bekräftigte Yanny nun entschlossen und verschränkte die Arme vor der Brust, um ihrer Aussage mehr Gewicht zu verleihen. „Ich habe es mit allerlei Technik aufgerüstet, die ich bei einem Second-Hand-Laden in der Innenstadt besorgt habe. In dem Computer von der Sea Lord war übrigens aus einem mir unverständlichen Grund noch ein zweites ungenutztes Motherboard mit einem verhältnismäßig starken Prozessor versteckt, das ich in Lamas Bauch verbaut habe und das jetzt die Rechenleistung für den Kleinen beisteuert. Für seine Bedürfnisse reichen diese Prozessoren vollkommen aus”, erklärte Yanny. Abigail rieb sich den Nasenrücken und seufzte. Das was der Cyborg hier als >ausreichend< beschrieb, mochte auf dem Schwarzmarkt in etwa 100.000,00 Dollar wert sein. „Das Skelett von Lama und die restliche Hardware besteht aus dem gleichen Material wie meine rekonstruierte Hand. In seinen Augen sind zwei Minikameras eingebaut, um ihm ein dreidimensionales Sehen zu ermöglichen. Die Ohren habe ich mit zwei Mikrophonen verkabelt.“ Sie holte ein breites Armband hervor, das ihrem eigenen sehr ähnlich sah. Ein kleiner Minibildschirm war darin verbaut. „Dieses Armband ist mit Lama verbunden. Es wird mir während des Kampfs mit Lazarus folgen und Statusberichte an euch liefern. Die Energie reicht aber nicht für eine Übertragung von Bild und Ton aus, durchaus aber für Zwischeninformationen. Außerdem wird mein eigener Status auf diesem Bildschirm angezeigt.“ „Eine Drohne also“, meinte Harry. „Ganz genau“, bestätigte Yanny lächelnd. Sie aktivierte das Armband und neben dem quadratischen Feld für Textmeldungen erschien ein Menü mit einem Strichmännchen, dessen einzelne Körperstellen mit grünen 100-Prozent-Schriftzügen aufleuchteten. „Das ist eine äußerst vereinfachte Darstellung von mir“, erklärte sie stolz und das Lama muhte leise zur Bestätigung. „Okay und was können wir machen, was ist unsere Rolle bei dem Unterfangen?“, fragte Harry. Er wollte unbedingt erfahren was sie tun konnten, um Yanny bei ihrem anstehenden Kampf zu unterstützen. Es würde mit Sicherheit wieder auf eine waghalsige Aktion hinauslaufen, so war seine Vermutung. Ob in einer Fabrikhalle, in einem Stahlkäfig auf einer Luxusyacht, in einem U-Bahn-Schacht oder einem Metatraum einer virtuellen Realität… es war ihm ganz einerlei wohin ihn der nächste Einsatz führen würde. Solange das Mädchen die drohende Gefahr nur abwenden konnte und sie danach hoffentlich ruhigeren Zeiten entgegensahen. Er seufzte auf diesen Gedanken hin und nahm einen Bissen von seinem eben ausgepackten Getreideriegel. Immerhin ging es diesmal wieder um eine gerechte Sache, wieder für die ganze Stadt und deren Bewohner, von denen er einen nicht unerheblichen Teil für ziemlich irre und nicht zurechnungsfähig hielt. War das aber wirklich sein Antrieb? Wenn er ehrlich zu sich war, konnte er dies nur verneinen. Nein, das war es nicht. Was immer jetzt von ihm verlangt sein würde, er würde es alleine für sie tun, für Yanny, dessen war er sich sicher. Er hatte nie zu einem >Helden< getaugt und bis zur Gründung dieser Agentur hatte es nichts und niemanden gegeben den er hätte verlieren können. Niemanden, der ihm etwas bedeutet hätte. All das hatte sich geändert.
Yuri verzog leicht das Gesicht, als er Harry beim Essen des Getreideriegels beobachtete. Er bevorzugte eine gänzlich andere Kost und hätte diese Dinger nur im äußersten Notfall verspeist. Neben ihm auf dem Tisch standen inzwischen drei leere Burgerkartons von Fabio-Burger, vier leere Pommestüten und drei leere Colabecher. Der Bürgermeister selbst hatte vor zwei Wochen sein erstes Fast-Food-Restaurant am Nordstrand eröffnet und Yuri hatte unbedingt dessen Lieferdienst testen wollen. Sein muskulöser Körper verlangte nach Zwischenmahlzeiten um bei Kräften zu bleiben.
„Harry hat recht, was sollen wir tun?“, brummte er.
Abigail, die nun wieder mit einem dicken Filzstift neben der großen Notiztafel stand, begann zu erklären, dabei Stichpunkte aufzuschreiben und schematische Zeichnungen anzufertigen.
„Yanny konnte inzwischen über das Netz einige weitere wichtige Informationen entschlüsseln. Am Teletextinternet hängen auch einige Computer bestehend aus alter Technologie, die über eine Verbindungstechnik verfügen, die unseres Wissens derzeit nirgends auf 86 nachvollzogen werden kann. Diese Funktion rührt wahrscheinlich noch aus der Zeit, als alles auf den Siedlerschiffen verbaut und eine permanente Kommunikation zwischen den einzelnen Einheiten völlig normal war. Unser Glück war es, dass die Partei Zukunft Nordlande einen Zentralrechner mit alter Technologie betreibt und wir dadurch noch mehr über Projekt Lazarus herausfinden konnten. Yanny konnte mit Hilfe unseres Interfaces in Erfahrung bringen, dass die PZN eine eigene Unterwasserbasis etwa 30 Kilometer vor Elysiums Küste gebaut hat. Es ist ein geheimes Militärprojekt, an dem sich Utopia und Neo Jakutsk beteiligt haben. Der Grund warum diese Basis errichtet worden ist scheint jetzt klar: die Partei wollte sich damit einen Vorposten im Süden schaffen. Was wir mittlerweile sicher wissen ist, dass dieser Lazarus von dort aus Befehle erhält und bis zu einem gewissen Grad auch von dort aus gesteuert wird. Wie wir bereits herausgefunden hatten, benötigt er trotz des implantierten menschlichen Gehirns und des Chips eine zusätzliche Steuerung um bei seinen Einsätzen auf Kurs gehalten zu werden. In den Dokumenten und Nachrichtenverläufen ist bei allem was den Unterwasservorposten betrifft von einer sogenannten >Basis 2< die Rede. Wir vermuten, dass sich die Basis 1 deshalb in Neo Jakutsk – dem Erschaffungsort des Super-Soldaten – befindet und deren Funkverbindung nicht weit genug bis nach Elysium reicht“, erklärte Abigail ausführlich. Yuri wischte sich mit einer Papierserviette den Mund ab und überlegte. Ja, es klang ziemlich genau nach dem strategischen Vorgehen der PZN. Er hatte Utopia nicht umsonst verlassen, hatte nicht ohne Grund sein Leben riskiert um vom Dienst im Militär zu fliehen. Er hatte nicht Teil dieser Großmachtfantasien sein wollen. Allerdings hatte er es bis dato für unwahrscheinlich gehalten, dass die Nordstädte tatsächlich so schnell einen – wenn auch verdeckten – kriegerischen Akt gegen den Süden durchführen würden. Konnte es sein, dass ihn seine Vergangenheit langsam wieder einholte? „Und jetzt wollt ihr in die Basis?“, fragte Ralph mit hochgezogenen Augenbrauen. „Genau so ist es. Wir werden in die Basis eindringen und diese Steuerung manipulieren. So können wir es schaffen Lazarus von dort aus zumindest lange genug zu destabilisieren, dass Yanny ihn zerstören kann. Destabilisieren können wir ihn, indem wir ihn während des Kampfs mit ihr zum Beispiel mit unlogischen Befehlen füttern, deshalb muss das Ganze auch zeitgleich geschehen. Yanny muss bereits gegen ihn kämpfen, wenn wir am Steuerpult stehen. Wenn wir ihm etwa befehlen sich zu ergeben, wird es eine gewisse Zeit dauern bis sein Selbsterhaltungsmechanismus in Kraft tritt. Dieses Zeitfenster kann Yanny dann für sich nutzen um ihn gewaltsam zu demontieren. Sollten wir den Moment der Verwirrung zu früh oder zu spät herbeiführen und sie das Zeitfenster nicht nutzen können, wird Lazarus eventuell noch gefährlicher und unberechenbarer als vorher, weil er dann für eine ganze Weile keine Befehle mehr entgegennehmen und womöglich Amok laufen wird“, führte Abigail aus und versuchte, dabei so abgeklärt wie möglich zu klingen. „Klingt… einfach“, meinte Harry mit sarkastischem Unterton in der Stimme und schnipste die leere Packung seines Riegels auf den Tisch. Yuri schürzte die Lippen. „Lass mich raten, wir nehmen kleines U-Boot was wir gestohlen haben von Sea-Lord und fahren damit zu Unterwasserbasis?“ Abigail nickte und blickte kurz zu Yanny, die vorerst nur schweigend auf dem Stuhl saß und Lama auf dem Schoß hatte, das von selbst dorthin gekrabbelt war. „Exakt. Aber auch hier gibt es ein Problem. Das U-Boot ist eigentlich nur für kürzere Notfallfahrten zur Küste gedacht. Es hat eine Reichweite von 35 Kilometern. Hin zur Basis und zurück zur Küste wären es also insgesamt 60 Kilometer. Wir würden es natürlich bis zur Basis 2 schaffen, aber nicht mehr zurück.“ „Das ist schlecht“, brummte der Hüne. „Ja, aber auch hierfür habe ich mir schon etwas überlegt. Es… es könnte dir gefallen Yuri…“, warf Abigail ein und lächelte sachte. Der sah sie neugierig an. „Geschenk für Yuri?“ „Wir müssen uns nur auf etwa fünf Kilometer an die Basis heranziehen lassen, um den Rückweg komplett alleine zu schaffen. Und wir kennen jemanden der ein Schiff hat, mit dem das ohne weiteres funktioniert. Carla Brandon könnte uns diesen Gefallen tun, sie hat uns damals ohnehin einen versprochen. Seit wir Dennis Dexter aus dem Weg geräumt haben, ist sie eine der mächtigsten Personen in Elysium und die Sea Lord gehört ihr, steht ihr zur freien Verfügung.“ „Wir machen wieder eine Reise auf der Sea Lord?”, fragte Yuri und seine Gesichtszüge hellten sich auf. „Du kannst dir ja schon mal überlegen, ob du >ihr< etwas mitbringen willst? Sie wird mit Sicherheit immer noch dort arbeiten“, grinste Abigail und spielte damit auf die Stewardess namens Lisa Muller an, mit der Yuri damals in betrunkenem Zustand vergeblich zu flirten versucht hatte. Er hatte Lisa zwischenzeitlich immer wieder einmal erwähnt und gleichzeitig so getan als mache es ihm nichts aus, dass er sie wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen würde. Lisa hatte Abigail bei ihrer zweiten Begegnung auf dem Schiff für seine Ehefrau gehalten und war dann mit einer säuerlichen Bemerkung davongezogen.
„Die einzige Einstiegsmöglichkeit die euch bleibt um nicht sofort Alarm auszulösen, ist übrigens das Abflussrohr auf der Unterseite der Basis“, bemerkte Yanny dann mit etwas gedämpfter Stimme und Abigail schüttelte sich vor Ekel, als sie dieses spezielle Detail erläuterte. Es würde die Computerspezialistin einiges an Überwindung kosten, ausgerechnet durch die Kloake einsteigen zu müssen. Zumindest würde sie einen undurchlässigen Taucheranzug tragen, das war ihr einziger Trost. „In dem Rohr muss dann irgendwo ein Loch sein, durch das ihr in den Innenraum der Basis gelangen könnt. Einen genauen Grundriss habe ich leider nicht gefunden.“
„Okay, also wir fahren mit dem Schiff raus aufs Meer, nehmen das letzte Stück des Wegs mit unserem U-Boot, steigen durch den Toilettenabfluss in die Basis ein, manipulieren die Steuerung für Lazarus während Yanny gegen ihn kämpft und noch während sie ihn zerstört sind wir schon wieder auf der Flucht mit dem U-Boot zurück an Land“, rekapitulierte Harry und rieb sich dabei den Nasenrücken.
„Fast schon langweilig“, bemerkte Yuri trocken.
„Na wenn dat alles vorbei ist, suchen wir uns einen ruhigeren Job, Leute. Vielleicht einfach Lastwagen mit Nitroglycerinladungen durch die Gegend fahren oder die restlichen radioaktiven Höhlen unter Kelly Malcoms Atomkraftwerk sauber schrubben…“, grunzte Ralph. Abigail räusperte sich als der Name der Unternehmerin fiel und sie begann an ihren Fingernägeln zu kauen.
„Wie auch immer“, sagte sie dann schnell.
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